Wie viele % unterstützen die Sentience-Initiativen? Framing und Nudging

20minuten hat getitelt „Vegane Menüs sollen Pflicht werden“ und die LeserInnen gefragt:

«Sind Sie dafür, dass in öffentlichen Kantinen ein tägliches veganes Menü Pflicht sein soll?»

Bisher beantworten in dieser (nicht-repräsentativen) Umfrage 42% die Frage mit Ja. Wie rational sind diese Antworten, d.h. wie stabil wären sie bei zusätzlichem Nachdenken? Zu prüfen wäre u.a., wie das Framing der Frage – statt ihr sachlicher Inhalt – die Antwort beeinflusst hat. Liegt eine solche Beeinflussung vor, ist man einem irrationalen Framing-Effekt bzw. -Bias zum Opfer gefallen. Die Kognitionspsychologie hat gezeigt, dass dieser die Ja/Nein-Antworten, die auf sachlich identische, aber anders formulierte Fragen gegeben werden, zu einem erstaunlichen Anteil umdrehen kann.

Ein Studie beispielsweise hat Probanden gefragt, ob man die öffentliche Verurteilung der Demokratie erlauben sollte – und eine Kontrollgruppe wurde gefragt, ob es richtig sei, die öffentliche Verurteilung der Demokratie zu verbieten. Auf die erste Frage antworteten 62% mit Nein – auf die zweite hingegen nur 46% mit Ja.

In einer anderen Studie wurde einer Gruppe gesagt: Wer sich spät anmeldet, wird mit einer Zusatzgebühr bestraft. Bei der Kontrollgruppe hingegen wurde der Sachverhalt wie folgt formuliert: Wer sich früh anmeldet, erhält einen partiellen Gebührenerlass. In der ersten Gruppe haben sich 93% früh angemeldet – in der zweiten lediglich 67%.

Der Framing-Effekt ist also auch für unser Entscheidungsverhalten hochrelevant. Wenn wir um irrationale Tendenzen dieser Art wissen, können wir sie uns aber auch gezielt-rational zunutze machen: Wenn wir uns im Grunde gern früh anmelden möchten, aber wissen, dass wir dieses Ziel je nach Formulierung der Anweisung besser bzw. schlechter erreicht werden, dann können wir uns ganz gezielt dazu bringen – nudgen –, uns zielführend zu entscheiden. Wir können selbst beschliessen, dass jene Formulierungen verwendet werden sollen, die zu einem besseren Entscheidungsverhalten führen. Das Nudge-Konzept findet vielfältige politische Anwendung. Nationalrat und Sentience-Unterstützer Bastien Girod hat es unlängst in der NZZ vorgestellt.

Psychologisch wird es auch unter der Bezeichnung „Precommitment“ erforscht. Die Neuropsychologin Molly Crocket erklärt im folgenden Vortrag, wie wir uns selbst nudgen und damit gezielt „überlisten“ können, um unsere Ziele besser zu erreichen. Nudging ist ein Life-Hack, der nachweislich dabei helfen kann, Willensschwäche zu besiegen.

Die Sentience-Initiativen folgen diesem Muster: Viele sind der Meinung, dass es wünschenswert wäre, den Anteil Fleischmahlzeiten zu reduzieren und den Anteil pflanzlicher zu erhöhen – aus Klima-, Gesundheits- oder Tierschutzgründen. Und viele sind willensschwach. Nationalrat Girod meinte etwa: Der Grund, warum er nicht häufiger vegan esse, sei einzig der, dass er nicht öfter in die vegane Richtung genudgt werde, indem vegane Produkte z.B. schlicht leichter und augenfälliger verfügbar wären – was er sich wünschen würde.

Die direkte Demokratie stellt uns Mittel zum Selbst-Nudging zur Verfügung. Daher die Sentience-Initiativen.

Doch zurück zur Ausgangsfrage! Wie viele % würden den Sentience-Initiativen zustimmen, wenn 20minuten die Frage so formuliert hätte:

«Sind Sie dafür, dass Sie in öffentlichen Kantinen die Wahlfreiheit haben, auch ein veganes Menü zu probieren?»


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