Wenn gut nicht gut genug ist

Im Beitrag der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) “Fleischessen gehört zu einem guten Leben“, erschienen am 20. August 2014, gibt der Ethiker und Theologe Markus Huppenbauer, Professor an der Uni in Zürich, seine Sichtweise über das richtige Essenverhalten und den darüber geführten Diskurs wieder. Die Argumentation gibt in vielerlei Hinsicht Anlass zur kritischen Diskussion.

Rösti
(Fotografie: Celia Fässler, Latura Photography; veganes Züricher Geschnetzeltes: Philip Hochuli, Kochbuchautor)

Vordergründig kritisiert Huppenbauer die Moralisierung des Essens. Er gesteht zwar zu, dass „die Frage des Fleischessen […] zweifellos eine moralisch relevante Frage [ist]“ und dass „wir eine moralische Pflicht haben, Tiere artgerecht zu halten.“ Nur gibt er sich mit einer Reduktion des Fleischverzehrs und dem Konsum von Fleisch aus „anständiger Quelle“ einen Freipass und will die darüber hinausgehenden moralischen Fragen vom Menüplan streichen. Der Grund dafür? Der Genuss: „Ein moralischer Blick auf unser Tun ist wichtig. Doch ein gelungenes Leben ist sehr viel mehr als die Einhaltung moralischer Vorschriften.“ Dabei ist die Auswahl von tierfreien Lebensmittel heutzutage immens. So öffnen stets neue Geschäfte mit tierfreien Produkten ihre Pforten, wie jüngst der Gingi-Veganladen in Basel-Stadt, und bereits bestehende Supermärkte und Restaurants erweitern ihr Sortiment mit tierfreien Produkten kontinuierlich. Und wenn Starköche wie Alan Ducasse auf Fleisch verzichten oder Björn Moschinski die vegane Gourmetküche vorantreibt, dürfte es schwer fallen, das Genussargument empirisch weiterhin zu vertreten (was nicht implizieren soll, dass es ethisch überzeugend wäre, s. unten). Eine Kulinarik, die kein unnötiges Leid generiert und Tötungen vermeidet, fördert den Genuss verantwortungsbewusster Menschen und damit das von Huppenbauer geforderte „gute Leben“ sogar. Huppenbauers Vergleich könnte treffender nicht sein: „Ich kann auf die Farbe Rot verzichten. Aber mit der Farbe Rot ist die Welt bunter. So ist es auch mit dem Fleisch.“ Unser Fleischkonsum rötet die Welt in der Tat, denn alleine in der Schweiz vergiesst er jährlich das Blut von über 50 Millionen Landtieren. Exemplarisch für das Tierleid zeigt der von Tier im Fokus publizierte „Schweine-Report“ die krassen Missstände bei der Haltung von „Mastschweinen“ in Schweizer Ställen auf. Wenn diese Zustände selbst in der Schweiz, die als Land mit einem vergleichsweise strengen Tierschutzgesetze bekannt ist, an der Tagesordnung sind, ist es fraglich, ob Fleisch aus “artgerechter” Haltung überhaupt mit hinreichender Wahrscheinlichkeit erwerbbar ist. Zudem werden alle „Nutztiere“ – auch jene, die besser gehalten werden – nach einem kleinen Bruchteil ihrer Lebenserwartung durch unsere Gewalteinwirkung umgebracht. Ist das artgerecht? Entspricht das den (artspezifischen) Interessen der Tiere?

Weiter spricht Huppenbauer empfindungsfähigen Lebewesen ein generelles Lebensrecht ab. Er meint: “Wir respektieren Menschen nicht als Personen, weil sie gewisse komplexe biologische Eigenschaften haben. Relevant ist, dass sie Bedürfnisse, Pläne und Ängste haben, Schutz brauchen oder sich verlieben können.” Huppenbauer verstrickt sich bei den aufgestellten Kriterien selbst in einen Widerspruch. Denn einige der hier als relevant bezeichneten Eigenschaften von Menschen (etwa Ängste und Bedürfnisse) erkennt er auch Tieren zu. Ein Lebensrecht wird seiner Ansicht nach damit allerdings nicht begründet. Huppenbauer gewährt das Lebensrecht nur denjenigen Lebewesen, die zur Kommunikation fähig sind: „Die Idee von Rechten ergibt nur Sinn vor dem Hintergrund von spezifischen Interaktionen und Kommunikationen. […] Mit Tieren – mit Ausnahme vielleicht einiger Menschenaffen – können wir nicht auf diese Weise kommunizieren. Deshalb sind sie keine Personen und haben auch kein Lebensrecht.

Huppenbauer verdrängt dabei aber, dass Tiere auch zu bestimmten Kommunikationsformen fähig sind. Wenn Kommunikationsverständnis und Kommunikationsmethode divergieren, muss dies nicht zwangsläufig darauf hinauslaufen, dass keine (ethisch hinreichende) Kommunikation geschieht. Wenn eine Person eine Fremdsprache spricht, die man nicht versteht, kann man schliesslich auch nicht einfach behaupten, die andere Person kommuniziere überhaupt nicht (hinreichend) – was historisch getan wurde und uns nachdenklich stimmen sollte. Was die nicht-menschlichen Tiere angeht, zeigt sich historisch eine ähnliche Tendenz: Vor nicht allzu langer Zeit war es (philosophisch und biologisch-veterinärmedizinisch) üblich, sogar die Schmerzempfindungsfähigkeit von Tieren komplett zu bestreiten, was wir heuten als ungeheuerlichen Bias erkennen. Auch im Bereich der Tierkommunikation hat uns die Verhaltensbiologie vielfach überrascht. Schweine zum Beispiel besitzen ein Vokabular mit über zwanzig Lauten, mit denen sie u.a. ihre Bedürfnisse kommunizieren können. Zwar entspricht die Kommunikationsart der Tiere nicht unserer “höheren” Kommunikation. Doch ist unklar, wo die Grenze zwischen der “höheren” Kommunikation und derjenigen von Tiere verläuft, gerade aufgrund der überraschenden Resultate der Verhaltensbiologie und Tierpsychologie. Vor diesem Hintergrund könnten Tiere aufgrund ihrer kommunikativen Fähigkeiten selbst nach Huppenbauers Kriterium ein Lebensrecht haben – jedenfalls sollten wir uns nicht zu sicher sein, dass dies nicht zutrifft, und im empirisch-ethischen Zweifel für den „Angeklagten“ bzw. das potentielle Opfer entscheiden.

Darüber hinaus gilt es aber den offensichtlichen Grundsatzeinwand gegen das Kommunikationskriterium zu berücksichtigen: Weshalb sollte die Fähigkeit zur höheren Kommunikation ethischen Vorrang gegenüber der Fähigkeit zur Empfindung haben? Hätte ein Schwein mehr Recht auf Leben, wenn es unmissverständlich ausdrücken könnte, dass es leben möchte, als ein Schwein, dem diese Sprachfähigkeit abgeht? Huppenbauer scheint zudem unterschlagen, dass auch Menschen die Kommunikation erst erlernen müssen und dies einigen unmöglich ist. Somit stellt sich die Frage, wie Huppenbauer das Lebensrecht derjenigen Menschen begründet, welche die Fähigkeit zur Kommunikation noch nicht erlernt haben oder nie erlernen werden. Auch Markus Wild, Philosophieprofessor an der Universität Basel, nimmt in dem Gastkommentar “Argumente statt Genusspredigten“ der NZZ vom 29. August 2014 diese lückenhafte Argumentation Huppenbauers auf: “Eine kohärente Ethik konzentriert sich m. E. auf Bedürfnisse usw. als für Rechte relevant. Dann haben Erwachsene, Säuglinge sowie höhere Wirbeltiere Lebensrecht. Somit ist es falsch, Tiere oder Säuglinge für den Fleischgenuss zu töten. Die Kommunikation darüber ist wichtig, um Rechte zu formulieren und Ansprüche zu erheben, aber keine Grundlage für das Haben von Rechten. Hier liegt die Verwechslung.

Selbst wenn man wie Huppenbauer die Kommunikationsfähigkeit für relevant hielte, müsste man summa summarum zugestehen, dass wir keine Sicherheit darüber haben, dass Tiere das Kriterium für ein Lebensrecht nicht erfüllen. (Das gilt besonders dann, wenn man wie Huppenbauer zugesteht, dass Menschenaffen das Kriterium erfüllen könnten.) Zudem müsste man selbst bei Skepsis gegenüber dem stärkeren Kriterium der Empfindungsfähigkeit zugestehen, dass aufgrund der Argumente zumindest eine nicht vernachlässigbare Wahrscheinlichkeit besteht, dass diese ethische Perspektive adäquat ist. Wenn wir Tieren aus kulinarischen oder sonstigen Gründen Gewalt antun, bestünde daher zumindest das Risiko, dass wir ein Lebensrecht verletzen und damit einen krassen moralischen Fehler begehen. Tun wir ihnen dagegen keine Gewalt an, besteht dieses Risiko nicht. Was eine verantwortungsbewusste Ethik gebieten würde, scheint daher klar.

Bei der von Huppenbauer kritisierten “Moralisierung des Essens“ steht also mitnichten das richtige Essen im Zentrum, sondern es geht in der gegenwärtigen insbesondere Debatte darum, Tiere nicht unnötig zu schädigen, was moralisch im Grunde gar nicht besonders anspruchsvoll ist und auch dem Grundgedanken des Tierschutzgesetzes entspricht. Der Mehrwert eines solchen Verhaltens widerspiegelt sich darüber hinaus auch in der positiven Wirkung auf die Umwelt. Denn die negativen Auswirkungen der Fleischproduktion werden vom Ethiker Huppenbauer selbst bestätigt. Nur erachtet er einen Verzicht im Fleischkonsum für unnötig und schlägt lediglich eine Reduktion vor: “Wenn jeder von uns an einem Tag pro Woche auf Fleisch verzichtet, würde sich dies bereits positiv auf die Umwelt auswirken.” Diese Schlussfolgerung ist zwar durchaus stichhaltig. Nur: Wenn eine gewisse Reduktion gut ist, warum ist Mehrreduktion dann nicht besser? Diverse Studien legen diese Steigerung nahe: Eine fleischfreie Ernährung schneidet klimapolitisch am besten ab – und der globale klimapolitische Handlungsdruck ist gross. Anstatt sich also mit einer behaglichen Reduktion zufrieden zu geben und darüber hinaus unangebrachte Religionsvergleiche mit Parolen wie “Orthodiät” anzustellen, sollte Huppenbauer als Ethikprofessor die ethische Tragweite der Ernährungsdiskussion anerkennen und für einen möglichst umfassenden und schnellen Fortschritt einstehen. Wer – wenn nicht Ethik-Professoren – sonst?


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