Weil die Schweiz ein Grasland ist…

Zahlen und Fakten zum anti-veganen Graslandargument

Sentience Politics schlägt vor, dass Kantinen der öffentlichen Hand, die mehrere Menüs zur Auswahl haben, neu auch täglich ein veganes Menü anbieten. Damit die kulinarische Qualität der Menüs stimmt, schlägt Sentience zudem vor, den Köchinnen und Köchen eine Weiterbildung in veganer Kochkunst zu ermöglichen. Denn wenn die kulinarische Qualität dieser Menüs stimmt, werden sie regen Absatz finden, gerade auch bei vielen Nicht-Veganen. Und das ist gut für das Klima, die Tiere, die Ressourceneffizienz, die Nord-Süd-Gerechtigkeit und die Ernährungssicherheit.

Ein häufiges Gegenargument lautet so:

Die Schweiz ist ein Grasland: Naturwiesen und Alpweiden. Das kann man landwirtschaftlich nur für die Herstellung von Tierprodukten nutzen. Vegane Ernährung macht hier in der Schweiz also keinen Sinn.

Das leuchtet irgendwie ein. Wie gross ist der Anteil an den in der Schweiz konsumierten Tierprodukten, die mit Gras- und Heufütterung erzeugt werden? Wie viel von den Tierprodukten, die wir hier in der Schweiz konsumieren, kommen von unseren Naturwiesen und Alpweiden? – Beim Fleisch sieht es so aus: Die Schweizerinnen und Schweizer essen am meisten „Schwinigs“. 45.2% des in der Schweiz konsumierten Fleisches ist Schweinefleisch. Nur: Schweine leben nicht von Gras und Heu.

Wer ab und zu mit lebendigen Schweinen zu tun hat, weiss zwar: Wenn man ihnen einen Büschel Gras hinhält, essen sie das. Aber Gras hat für Schweine etwa den gleichen Nährwert wie für Menschen: praktisch Null. Bei der Produktion von Schweinefleisch spielt Gras- und Heufütterung demnach keine Rolle. – Die Schweiz ist ein Grasland. Heisst das, dass die SchweizerInnen und Schweizer kaum noch Schweinefleisch essen sollten? Diese Schlussfolgerung wäre nachvollziehbar.

Nur halb so gross, aber immer noch beachtlich ist der Anteil des Geflügelfleisches am Fleischkonsum der Schweizerinnen und Schweizer: 21.9% des hier verzehrten Fleisches stammt von Vögeln, v.a. von Hühnern. Wie Schweine sind auch Vögel keine Wiederkäuer, können also mit Gras und Heu gleich wenig anfangen wie wir Menschen. Entsprechend wird vom Geflügelfleisch Null Prozent mit Gras- und Heufütterung erzeugt. Bei den Eiern gilt logischerweise das gleiche. Sollen die Schweizerinnen und Schweizer also kaum noch Geflügel und Eier essen? Das würde Sinn machen, da die Schweiz ja ein Grasland ist.

Unsere theoretischen Grasfresser

Nur 31.4% des Fleisches, das in der Schweiz konsumiert wird, stammt von Tieren, die mit Gras und Heu gefüttert werden können: 0.15% von Ziegen, 1.1% von Pferden, 1.15% von Schafen und Lämmern, und immerhin 27.9% von Kälbern und Rindern. In absoluten Zahlen heisst das: von den 52 kg Fleisch, die in der Schweiz jährlich pro Kopf konsumiert werden, stammen nur 16.3 kg von Tieren, die rein theoretisch überhaupt von Gras und Heu leben könnten.

Der mit Abstand grösste Teil dieser 16.3 kg ist also Fleisch von Kühen, Kälbern und Munis, und so wenig 16.3 kg im Vergleich zu 52 kg auch sein mag: es wären noch viel weniger, wenn unsere Rinder tatsächlich nur von Gras und Heu leben würden. Unsere Bauern verfüttern zusätzlich zum Gras und Heu jedoch tonnenweise Kraftfutter, v.a. Soja aus Brasilien, aber auch Futterweizen und auf hiesigen Äckern angebauten Mais an ihre Rinder.

Ja, es gibt Ausnahmen, aber wer sich die Zahlen anschaut, sieht, dass die Ausnahmen nur dort ins Gewicht fallen, wo es rein technisch nicht anders geht als mit reiner Gras- und Heufütterung: bei der Herstellung von Milch für gewisse Käsesorten. (Milch von Kühen, die mit Silo- oder Kraftfutter gefüttert werden, sind für die Herstellung dieser Käsesorten chemisch nicht geeignet.) Jedenfalls: Unsere Bauern füttern ihre Rinder nicht zum Spass mit Soja, Mais und Weizen, sondern weil sie so mehr Fleisch und Milch produzieren können, um den Rachen der Konsum-Schweiz zu füllen.

Auch bei den Rindern gilt also bis zu einem gewissen Grad, was sich sehr deutlich bereits bei den Schweinen und Hühnern zeigte: Wenn wir diese Tiere nicht mehr mit den Erträgen von heimischem und ausländischem Ackerland füttern, sondern nur noch mit dem Gras und Heu, das unsere Schweizer Naturwiesen und Alpweiden hergeben, resultieren viel geringere Fleisch- und auch Milchmengen, als wir gegenwärtig konsumieren.

Doch wie viel ist „viel geringer“ in Zahlen? Zu dieser Frage hat Priska Baur wichtige Vorarbeit geleistet.

Ein „Default Livestock System“ für die Schweiz

Priska Baur ist promovierte ETH-Agronomin und hat sowohl für den neoliberalen Think-Tank Avenir Suisse als auch für Greenpeace Studien verfasst. Sie ist letzten Herbst noch während der Probezeit von ihrem Posten als Dozentin an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) zurückgetreten. Zur Begründung liess Sie sich so zitieren:  „Für eine unabhängige Forschung und Lehre fehlt es an Offenheit, Sachlichkeit und der nötigen Diskussionskultur.“

Priska Baur scheint also weder auf eine bestimmte Ideologie festgelegt zu sein, noch den Konflikt zu scheuen, wenn sie die Sachlichkeit in Gefahr sieht. Und auch ein allfälliger Verdacht, dass sie käuflich sei, wäre unangebracht: Sie hat schon Studien verfasst, an denen ihr Auftraggeber, in diesem Fall der Bund, gar keine Freude hatte.

Diese Hintergrundinformationen untermauern hoffentlich, dass es sich bei der weiter oben erwähnten Studie im Auftrag von Greenpeace nicht um ein Gefälligkeitsgutachten handelt. Diese Studie beantwortet nämlich u.a. die Frage, wie viele Tierprodukte in der Schweiz mit Futter aus der Schweiz produziert werden könnten, wenn „Nutztiere nur mit Futtermitteln ernährt werden, die nicht extra für sie erzeugt werden, sondern «sowieso» vorhanden sind, sei es auf Grasland, im Rahmen einer ökologischen Fruchtfolge, als Nebenprodukte der Lebensmittelverarbeitung oder als Abfälle.“ (S. 7)

Diese Frage ist ähnlich wie die, der wir hier nachgehen, aber sie ist auch in wichtigen Punkten verschieden. Der wichtigste Unterschied ist der folgende. Uns interessiert, wie viele Tierprodukte die Wiesen und Weiden hergeben, die nicht als Ackerland nutzbar sind. Greenpeace aber wollte wissen, wie viel eine gemischte Landwirtschaft hergibt, die nach Simon Fairlies „Default Livestock System“ (DLS) produziert. (Ich habe Fairlies „Default Livestock“-Konzept in einem anderen Blogpost bereits erwähnt.) Warum das zwei verschiedene Fragen sind, zeigt sich am deutlichsten daran: Im Default Livestock System, das Priska Baur für Greenpeace modelliert hat, wird auf mehr als der Hälfte des ackerfähigen Landes der Schweiz eben doch Tierfutter angebaut, wenn auch nicht in der Form von Futtergetreide und Silomais (wie es aktuell der Fall ist), sondern v.a. in der Form von Gras. – Doch schauen wir ihr Modell und ihre Zahlen etwas genauer an!

Baur findet drei verschiedene Zahlen zum ackerfähigen Land in der Schweiz: 403’750 ha, 438’560 ha und 484’305 ha (S. 27). Die kleinste Zahl entspricht der aktuellen Fruchtfolgefläche, d.h. sie widerspiegelt, wie viel Land unsere Bauern momentan tatsächlich für Ackerbau verwenden. Die mittlere Zahl entstammt dem bundesrätlichen Sachplan Fruchtfolgeflächen, die grösste der Arealstatistik 1992/97.

Verschiedene Zahlen zum ackerfähigen Land in der Schweiz
Abb. 1: Verschiedene Zahlen zum ackerfähigen Land in der Schweiz

Baur nimmt für ihre Modellrechnung die kleinste Zahl, d.h. sie rechnet die ca. 80’000 ha Differenz zwischen der kleinsten und der grössten Schätzung kurzerhand den Naturwiesen zu. Zudem reduziert sie die Fruchtfolgefläche im Modell um weitere 23’750 ha auf 380’000 ha, und auf diesen verbleibenden 380’000 ha Ackerland geht sie von einer Fruchtfolge aus, die zu 50% Tierfutter produziert: 6% Körnerleguminosen (Soja, Eiweisserbsen, Ackerbohnen) und 44% Kunstwiese, also Gras (S. 35).

Abb. 2: Die Hälfte der 380'000 ha Ackerland dienen der Futterproduktion
Abb. 2: Die Hälfte der bloss 380’000 ha Ackerland dienen in Baurs Modell der Futterproduktion

Ausgehend von diesen Annahmen kommt sie bei den Tierprodukten zu folgenden jährlichen pro-Kopf Mengen: 364 kg Milchäquivalente (anstatt der im 2010 tatsächlich in der Schweiz produzierten 450 kg), 11.38 kg Fleisch von Wiederkäuern, v.a. von Kühen, Kälbern und Munis (anstatt 13.45 kg), 8.8 kg Schweinefleisch (anstatt 24.47 kg), 6.7 Eier (anstatt 99.94 Stück) und mickrige 10g Althennenfleisch (S. 42-43).

Raufutterertrag im Default Livestock System für die Schweiz nach Priska Baur
Abb. 3: Der Raufutterertrag (hier: Gras, Heu)  der verschiedenen Böden bestimmt den Milch- und Fleischertrag. Waldweiden geben pro Hektar am wenigsten her (darum ist die Kurve dort am flachsten), Alpweiden am zweitwenigsten, extensive Wiesen am drittwenigsten usw.

Umgerechnet auf eine Woche würde Baurs Version von Fairlies „Default Livestock System“ in der Schweiz also etwa folgendes liefern: 385g Fleisch, einen minim kleineren Milchprodukte-Warenkorb, als aktuell tatsächlich konsumiert wird (die 450 kg Milchäquivalente pro Kopf und Jahr im oberen Abschnitt sind die Inlandsproduktion 2010 nach Priska Baur, die 376 kg im Link sind der Inlandskonsum im selben Jahr gemäss Swissmilk), nicht ganz alle acht Wochen ein Ei, und so gut wie gar kein Geflügelfleisch.

Und jetzt wirklich nur mit Naturwiesen und Alpweiden

Diese Mengen kommen aber wie gesagt nur zustande, wenn mehr als die Hälfte des ackerfähigen Landes als Naturwiese, Kunstwiese und für den Anbau von Futterleguminosen genutzt wird. Das Futterangebot für Wiederkäuer beläuft sich in diesem Szenario gemäss Baur auf total 5.8 Millionen Tonnen, 1.8. Millionen davon liefern die 167’200 ha (S. 35) Kunstwiesen, die restlichen 4 Millionen kommen von den Naturwiesen und Alpweiden (S. 37, vgl. auch Abb. 3 oben).

Nutzt man das Ackerland also nicht für Kunstwiesen, sondern für den Anbau von Nahrung für Menschen, fallen 1.8 Millionen Tonnen Futter für die Milch- und Fleischproduktion weg. 5.8 Millionen Tonnen Futter ergeben nach Baur 364 kg Milchäquivalente und 11.38 kg Fleisch von Wiederkäuern, demnach ergeben 4 Millionen Tonnen Futter etwa 251 kg Milchäquivalente und 7.85 kg Fleisch von Wiederkäuern pro Kopf und Jahr.

Fleischertrag (Wiederkäuer) im Default Livestock System für die Schweiz nach Priska Baur
Abb. 4: Fleischertrag (Wiederkäuer) im Default Livestock System für die Schweiz nach Priska Baur
Ohne Kunstwiesen auf Ackerland sinkt der Ertrag von Wiederkäuer-Fleisch
Abb. 5: Ohne Kunstwiesen auf Ackerland ist der Ertrag von Wiederkäuer-Fleisch tiefer.

Und dabei rechnen wir hier immer noch mit bloss 380’000 ha Ackerland und „schenken“ dem Gras mindestens 23’750 ha, vielleicht aber auch mehr als 100’000 ha ackerfähiges Land, die es in der Schweiz zusätzlich noch gibt (vgl. Abb. 1).

Milchertrag im Default Livestock System für die Schweiz nach Priska Baur
Abb. 6: Milchertrag im Default Livestock System für die Schweiz nach Priska Baur
Ohne Kunstwiesen auf Ackerland ist auch der Milchertrag tiefer
Abb. 7: Ohne Kunstwiesen auf Ackerland ist auch der Milchertrag tiefer.

Weniger Milch und Rindfleisch bedeutet u.a. auch weniger Milch-Abfallprodukte wie Schotte, und das wiederum bedeutet weniger Futter für Schweine. Zudem fehlen für die Schweinemast auch die erwähnten Körnerleguminosen (Hülsenfrüchte), die im Default Livestock System auf 6% des Ackerlandes für sie angebaut werden. Anstatt 49’787 Tonnen Protein, davon 7’441 von Schotte und 12’920 von Hülsenfrüchten (S. 41), stehen für die Schweinefütterung also nur noch 34’557 Tonnen Protein (5’131 von Schotte und Null von Hülsenfrüchten) zur Verfügung.

Da Protein der limitierende Faktor ist (S. 41), lässt sich die Menge Schweinefleisch, die damit produziert werden kann, grob so berechnen: 49’787 Tonnen Protein im Futter ergeben 8.8 kg Schweinefleisch, demnach ergeben 34’557 Tonnen Protein im Futter 6.1 kg Schweinefleisch pro Kopf und Jahr.

Auch beim Futter für die Hühner in der Eierproduktion kommen in Baurs Default Livestock System 680 von 2’659 Tonnen Protein von Hülsenfrüchten, die extra dafür auf Äckern angebaut wurden (S. 41). Fehlen diese Futterproteine, gibt es anstatt 6.7 Eier grob gerechnet nur noch 5 Eier pro Kopf und Jahr. Althennenfleisch gibt es bereits in Baurs Modell nur 10g, hier verzichte ich auf eine Rechnung.

Zusammenfassend: Mit einem System, das 380’000 ha ackerfähiges Land zur direkten Herstellung von Nahrung für Menschen nutzt, in dem Wiederkäuer wirklich nur das Gras und Heu von Naturwiesen und Alpweiden und Schweine und Hühner wirklich nur Abfälle und Nebenprodukte essen, kann die Schweiz jährlich etwa folgende Pro-Kopf-Mengen produzieren: 13.95 kg Fleisch (6.1 kg von Schweinen, 7.85 kg von Wiederkäuern, v.a. Kühe, Munis, Kälber, plus ein paar Gramm Althennenfleisch), 251 kg Milchäquivalente, 5 Eier.

Der omnivore Warenkorb im Grasland Schweiz

In der Schweiz gibt es viel Grasland, das stimmt. Und daraus folgt genau das, was Sentience Politics vorschlägt: viel weniger Tierprodukte essen. Denn mit Grasland lassen sich nur viel kleinere Erträge erwirtschaften als gegenwärtig in der Schweiz  konsumiert werden. Nicht wie jetzt 52 kg Fleisch, 370 kg Milchäquivalente (ohne „versteckte“ Milch) und 174 Eier (inkl. „versteckte“ Eier) pro Jahr, sondern bloss 14 kg Fleisch, 250 kg Milchäquivalente, 5 Eier.

14 kg Fleisch pro Jahr heisst maximal 270 g Fleisch pro Woche (und zwar inkl. Innereien, Wurst, Aufschnitt etc.). Das reicht für eine reichliche oder zwei bis drei weniger reichliche Fleisch-Mahlzeiten pro Woche. 250 kg Milchäquivalente pro Jahr entsprechen etwa einem wöchentlichen Milchprodukte-Warenkorb von 1.4 kg Trinkmilch, 60 g Butter, 250g Käse, 200g Joghurt und 80g Rahm, plus 150g „versteckte“ Milch (in Milchschoggi, Gebäck, Glace etc.). Das ist etwa gleich viel Trinkmilch wie gegenwärtig pro Kopf wöchentlich konsumiert wird, aber nur etwa halb so viel Butter, Käse, Joghurt und Rahm. Und 5 Eier pro Jahr entsprechen etwa einem Ei alle 10 Wochen.

Demnach wäre in einem Grasland wie der Schweiz für Omnivore etwa folgende Ernährung angezeigt: 6 Vegi-Tage pro Woche, fast die Hälfte der Vegi-Mahlzeiten vegan, und praktisch alle anderen Vegi-Mahlzeiten ohne Eier. Mehr Tierprodukte gibt unser Grasland nicht her.

Zum Glück ist das keine Hiobsbotschaft. Vegane Mahlzeiten sind, wenn mit Können zubereitet, genauso fein und abwechslungsreich wie unvegane, und von den Nährstoffen her genauso wertvoll. Und Backen ohne Ei ist ganz leicht. Es gibt also keinen Grund zur Sorge. Es gibt nur sehr viele Gründe, sich mit der veganen Kochkunst vertraut zu machen.

Dreimal nebenbei

Nebenbei zum Ersten: Die Schweiz importiert nicht nur hunderttausende Tonnen Kraftfutter, sondern auch hunderttausende Tonnen Heu. Ob Grasland oder Ackerland: für die Herstellung unserer „Schweizer“ Tierprodukte reicht der heimische Boden schon lange nicht mehr.

Nebenbei zum Zweiten: Von den 9 kg Fisch und Krustentiere, die in der Schweiz gegenwärtig pro Kopf und Jahr zusätzlich zu den 52 kg Fleisch, 174 Eiern und 370 kg Milchäquivalenten (ohne „versteckte“ Milch) konsumiert werden, haben wir noch gar nicht gesprochen. 97.9% dieser Wasserbewohner kommen aus dem Ausland. – Die Schweiz ist nicht nur ein Grasland, sie hat auch ein paar Seen und Flüsse. Der Hinweis auf unsere Gewässer kann aber nicht als Begründung für einen Fischkonsum von 9 kg pro Kopf und Jahr dienen, genauso wenig wie der Hinweis auf unser Grasland als Begründung für unseren hohen Fleisch-, Eier- und Milchproduktkonsum taugt.

Nebenbei zum Dritten: Nehmen wir an, in der Schweiz werden gesamthaft nur so viele Tierprodukte gegessen, wie unsere Naturwiesen und Alpweiden hergeben. Wenn jetzt von den ca. 8 Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern 0.3 Millionen darauf bestehen, weiterhin so viel Fleisch, Milch und Eier zu essen wie bisher, bleiben für die restlichen 7.7 Millionen bereits keine Eier mehr übrig. Wenn von diesen 7.7 Millionen 1.8 darauf bestehen, wenigstens gleich viel Fleisch und Milchprodukte zu essen, bleibt für die restlichen 5.9 Millionen kein Fleisch mehr übrig. Wenn von diesen 5.9 Millionen unfreiwilligen Lacto-Vetetarierinnen und -Vegetariern 2.9 Millionen darauf bestehen, wenigstens gleich viele Milchprodukte zu konsumieren wie bisher, dann haben die verbleibenden 3 Millionen keine andere Wahl, als sich vegan zu ernähren.

Was wäre, wenn wir in der Schweiz nur so viele Tierprodukte essen würden, wie unser Grasland hergibt?
Abb. 8: Was wäre, wenn wir in der Schweiz nur so viele Tierprodukte essen würden, wie unser Grasland hergibt?

Darum, liebe Omnivore: Aufpassen mit dem Grasland-Argument!

Ein Aufruf an die Veganen und an alle, die es werden wollen

Die Schweiz ist ein Grasland. D.h. Ackerland ist hier umso seltener, und deshalb umso wertvoller. Warum bauen wir dann auf 113’000 von 270’000 Hektaren offenem Ackerland nicht Nahrung für Menschen an, sondern Tierfutter – Silomais und Futtergetreide? Warum nutzen wir zusätzlich mindestens 130’000 ha ackerfähiges Land als Kunstwiese anstatt für den Anbau von Nahrung für Menschen? Und warum importieren wir zu all dem hinzu noch Tierfutter aus dem Ausland, mit Vorliebe aus Brasilien, das dort 250’000 Hektaren Ackerland beansprucht? – Das hat nur sehr wenig mit natürlichen Gegebenheiten und sehr viel mit gezieltem Lobbying und Marketing seitens der Fleisch-, Eier- und Milchbranche zu tun.

Politikerinnen, Wähler und Konsumentinnen werden von diesen Branchen seit Jahren an der Nase herumgeführt. Konsequente Kritik gab es bislang kaum, denn die meisten Kritikerinnen sind durch ihren eigenen Konsum, durch Folklore, durch ihren Beruf oder durch Label-Vergabe eng mit der Tierprodukte-Maschinerie verwoben.

So wenig wir Veganen mit unserem Konsumboykott direkt bewirken (nur weil ein paar Leute keine Tierprodukte mehr kaufen, werden davon nicht weniger produziert), im politischen Diskurs können wir etwas bewegen: Als Aussenstehende haben wir einen Blick auf die Tierprodukte-Maschinerie, der nicht vom sonst üblichen Wunschdenken, von Bequemlichkeit, von Interessenkonflikten oder von einer diffusen Angst vor dem Unbekannten verzerrt ist. Gerade in der Politik, wo Aufrichtigkeit ein knappes Gut ist, können wir mit Klartext einiges bewirken. Also: Ab in die Politik!

Zusätzliche Grafik zum Default Livestock System (DLS) nach Priska Baur

Grössenordnungen der Erträge im Default Livestock System für die Schweiz nach Priska Baur
Abb. 9: Grössenordnungen der Erträge im Default Livestock System für die Schweiz nach Priska Baur (logarithmische Skala)

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