Warum es Social Distancing in der Nutztierhaltung braucht

Ich schreibe diese Zeilen gefangen in meinen eigenen vier Wänden und denke mir dabei, dass dieser Situation etwas Ironisches anhaftet.

Die Regierungen dieser Welt haben ihre Bürger aufgefordert, Abstand voneinander zu halten, um die Verbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen. Diese Regel sollten wir als unmittelbare Krisenmassnahme alle einhalten. Um auch künftige Pandemien zu verhindern, stehe ich dafür ein, dass wir diesen Grundsatz auch auf unsere Nutztiere ausweiten. Beweggründe gibt es zur Genüge.

Die Intensivierung der Nutztierhaltung geht Hand in Hand mit der Abholzung von Wäldern und dem Landraub entlegener Territorien für die Futtermittelproduktion. Wo früher die Artenvielfalt dominierte, wächst nun Soja. Seit 1990 hat sich der Anteil der Futtermittelimporte in der Schweiz knapp verdreifacht. In den Jahren von 2007 bis 2017 betrug die Zunahme noch immer über 1 Million Tonnen. Ein signifikanter Teil dieser Importe ist Soja-Kraftfutter, vorwiegend aus Brasilien. Parallel dazu finden sich heute tausende Hochleistungstiere dort, wo früher eine Handvoll Hühner im Garten eines Bauernhofs gackerten. Neben einem enormen Biodiversitätsverlust treffen die Folgen dieser Auswüchse auch unsere Gesundheit.

Im Jahr 2009 breitete sich ein neuer Stamm der Schweinegrippe, geboren vermutlich in einer Massentierhaltungsanlage in Mexiko, in der ganzen Welt aus. Innerhalb kurzer Zeit infizierten sich zwischen 700 Millionen und 1.4 Milliarden Menschen mit dem Influenza-A-Virus H1N1. Nun ist wieder eine Pandemie ausgebrochen. Der Öffentlichkeit wird eine kurzfristige Entschärfungsmassnahme nach der nächsten kommuniziert – und das ist durchaus sinnvoll. Ich vertrete aber die Überzeugung, dass wir als Gesellschaft unsere grundlegende Strategie überdenken müssen; weg von der Symptombekämpfung, hin zur Eindämmung und Überwindung der Ursachen. Wenn wir das nicht tun, riskieren wir die Wiederholung von Vermeidbarem. Für die heutige landwirtschaftliche Produktion dringen wir tief in bisher unberührte Urwälder ein, treiben die Abholzung voran und zerstören Ökosysteme. Dadurch bringen wir uns in Kontakt mit neuen, virulenten und teilweise hochinfektiösen Krankheitserregern. Und auch die intensive Nutztierhaltung birgt Gefahren. Für mich ist deshalb klar: Die momentane Pandemie sollte zur endgültigen Abschaffung der Massentierhaltung führen.

Grossflächige Tierhaltungspraktiken erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Pandemie deutlich. Durch die dürftigen Hygienestandards und die hohe Anzahl an Individuen auf engstem Raum bilden sie einen gefährlichen Nährboden für Bakterien, Viren und andere Pathogene. Dadurch wird die Gefahr der Übertragung zwischen Tieren und Menschen markant erhöht. Hühner in Massentierhaltungsanlagen neigen beispielsweise dazu, beinahe genetische Klone voneinander zu sein. Wird ein Virus in einen solchen Bestand eingeschleppt, kann es ihn durchdringen, ohne auf eine Resistenz in Form genetischer Variationen zu stossen. Studien haben gezeigt, dass dieser Prozess zu einem Anstieg des Ausprägungsgrades der pathogenen Potenz führen kann. Wird ein solches Virus an Menschen weitergegeben, haben wir ein Problem. Expert*innen, die sich mit der Massentierhaltung als Infektionsherd befassen, heben zudem hervor, dass der mehrheitlich milde Verlauf der Fälle beim H1N1-Virus ein Glücksfall war. Was, wenn das Glück beim nächsten Mal nicht auf unserer Seite ist?

COVID-19 zeigt uns eben diesen Fall auf. Während die Pandemie von 2009 eine Mortalitätsrate zwischen 0.001 und 0.011% aufwies, rechnet die Weltgesundheitsorganisation bei der neuen Coronavirus-Pandemie je nach Datengrundlage von einer Mortalitätsrate zwischen 0.66% und 3.4% der Infizierten. Natürlich finden sich zwischen dem neuen Coronavirus und der Schweinegrippe von 2009 auch Unterschiede. Doch wie die Schweinegrippe ist auch COVID-19 tierischen Ursprungs. Erste Einschätzungen gehen davon aus, dass der Erreger von geschlachteten Wildtieren auf den Menschen übertragen worden ist. Ein chinesischer „Wet Market“ ist natürlich kein Innerschweizer Masthuhn-Betrieb. Doch auch wenn es nicht offensichtlich ist – wichtige Probleme von Wet Markets finden sich auch in Schweizer Hühnerställen.

Das Amerikanische Zentrum für Krankheitsbekämpfung und Prävention (CDC) warnt davor, dass drei von vier neuen Infektionskrankheiten beim Menschen von Tieren abstammen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) berichteten bereits früher, dass die erhöhte Nachfrage nach tierischen Produkten Produktionsmethoden voraussetzt, die einen ausserordentlichen Risikofaktor für Pandemien darstellen. Evolutionsbiologe Rob Wallace, Autor von “Big Farms Make Big Flu”, sagte kürzlich in einem Interview: “Die wirkliche Gefahr jedes neuen Ausbruchs ist die zweckmässige Weigerung zu begreifen, dass jedes neue Virus im Stile von COVID-19 kein Einzelfall ist. Das vermehrte Auftreten von Viren steht in engem Zusammenhang mit der Nahrungsmittelproduktion. Wer verstehen will, warum Viren immer gefährlicher werden, muss das industrielle Modell der Landwirtschaft und insbesondere der Viehzucht untersuchen.”

Nun ist es so, dass die Übertragung zoonotischer – also vom Tier zum Mensch übertragbarer – Krankheiten nie vollständig vermeidbar ist. Es besteht immer die Möglichkeit, dass solche Krankheitserreger in Situationen auf den Menschen übertragen werden können, die nichts mit Wet Markets oder der uns bekannten Nutztierhaltung zu tun haben. Das Risiko für eine Ausbreitung steigt jedoch in einer intensiv bewirtschafteten Umgebung deutlich, weil eine Menge von Tieren in die Nähe des Menschen gebracht wird, die in anderen Szenarien unvorstellbar wäre. Deshalb geht Rob Wallace gar soweit zu sagen, dass man kein besseres System zur Züchtung tödlicher Krankheiten entwickeln könnte.

Zusammenfassend lässt sich für die Schweiz festhalten: Wir müssen die Massentierhaltung abschaffen. Keine Bestandesgrössen von 27’000 Masthühnern, keine 17 Hühner pro Quadratmeter und keine zehn Mastschweine mehr, die sich die Fläche eines Autoparkplatzes teilen müssen. Und dazu ein Importverbot für Quellen tierischer Produkte, bei denen diese neuen Normen nicht eingehalten werden. So also, wie es die Massentierhaltungsinitiative fordert.

Geben wir den Tieren mehr Platz, senken wir die Anzahl Individuen und sorgen wir dafür, dass Situationen wie die jetzige nicht mehr durch Umstände hervorgerufen werden, von denen wir eigentlich bereits heute wissen, dass sie nicht zukunftsfähig sind.

Titelbild: Klaus Petrus, Tier im Fokus


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