Warum dieses Jahr das wichtigste sein könnte

Wer seine begrenzten Ressourcen dafür nutzen möchte, die Lebensumstände möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen – unabhängig von ihrer Artzugehörigkeit – so gut wie möglich zu verbessern, ist dabei mit folgenden Fragen konfrontiert:

  • Finanzielle Ressourcen jetzt an effektive Tierrechtsorganisationen spenden – oder das eigene Geld zunächst ertragreich anlegen, um später eine größere Summe zu spenden?
  • Die eigene Zeit jetzt verwenden, um für eine effektive Tierrechtsorganisation zu arbeiten – oder zunächst, etwa durch einen herausfordernden Job oder eine Promotion ohne direkte altruistische Wirkung, die eigenen Fähigkeiten weiterentwickeln, um später noch wirkungsvoller zu sein?

Von großer Relevanz für diese Frage ist ein Argument, das in der internationalen Bewegung des Effektiven Altruismus seit einigen Jahren unter dem Namen Haste Consideration diskutiert wird. Ihm zufolge besteht beim Vorhaben der altruistischen Wirkungsmaximierung ein Grund zur Eile, weil unser Handeln in der nahen Zukunft wirkungsvoller sein könne als zu jedem späteren Zeitpunkt. Diese auf den ersten Blick überraschende These werden wir im Folgenden diskutieren.

Ein Grund zur Eile für die Tierrechtsbewegung

Man vergleiche die folgenden beiden Welten:

  1. Im kommenden Jahr engagierst du dich gar nicht für Tierrechte. Danach verbringst du den Rest deines Lebens damit, möglichst viel Tierleid zu verhindern.
  2. Zunächst verbringst du ein Jahr damit, andere von der Wichtigkeit effektiver Tierrechtsarbeit zu überzeugen. Dabei überzeugst du eine Person, die mindestens so viel bewirken wird wie du in Welt 1, andernfalls hingegen gar nichts für Tierrechte getan hätte. Nach diesem Jahr stellst du deinen Aktivismus ein.

Die entscheidende Beobachtung: In Welt 2 wird mindestens so viel Leid verhindert wie in Welt 1, obwohl du in ihr viel weniger Zeit für Tierrechtsaktivismus aufgewendet hast – ein Jahr gegenüber deinem ganzen restlichen Leben. Mit anderen Worten: Dein Aktivismus in diesem Jahr kann so wirkungsvoll sein wie derjenige deines ganzen späteren Lebens!

 

Wie stark ist dieser Grund zur Eile?

Diese Schlussfolgerung erscheint zunächst sehr kontraintuitiv. Ein naheliegender Einwand, der bereits im ursprünglichen Beitrag zur Haste Consideration diskutiert wurde, ist folgender: Was ist, wenn du in Welt 1 im Laufe deines Lebens mehrere Personen zu effektiver Tierrechtsarbeit inspirierst? Sicherlich bewirkt das mehr, als – wie in Welt 2 – nur eine Person zu überzeugen? Sehen wir uns das Argument genauer an. Wir haben angenommen, dass die überzeugte Person in Welt 2 mindestens so effektiv sein wird wie du in Welt 1. Wenn du also in Welt 1 mehrere Personen zu effektiven Tierrechtsaktivisten/innen machst, dann wird die von dir überzeugte Person in Welt 2 mindestens genau so viele Aktivisten/innen generieren (oder auf andere Weise eine mindestens genau so große Wirkung haben).

Tatsächlich folgt das Ergebnis des obigen Arguments rein logisch aus den Annahmen – diese Schlussfolgerung ist nicht angreifbar. Die kritischere Frage ist, inwieweit die beiden Welten tatsächliche Handlungsalternativen beschreiben:

  • Innerhalb eines Jahres eine Person zu überzeugen, ist plausiblerweise ein für viele Menschen erreichbares Ziel. Das bisherige Wachstum der Tierrechtsbewegung scheint zu zeigen, dass manche Menschen sogar dazu in der Lage sind, mehrere Personen pro Jahr zu überzeugen.
  • Problematischer ist die Annahme, dass die überzeugte Person mindestens so effektiv ist wie man selbst in Welt 1. Dies wird wohl nicht in jedem Einzelfall, im Durchschnitt aber zumindest annähernd der Fall sein.
  • Wohl am stärksten wäre die Tragweite des Grunds zur Eile dadurch beeinträchtigt, wenn die Tierrechtsbewegung eine relativ kleine Maximalgröße hätte. Wenn nämlich – unabhängig vom eigenen Handeln im nächsten Jahr – jede potentielle Aktivistin bald überzeugt wird, lässt sich das Ausmaß des in Welt 2 postulierten Überzeugungseffekts kaum aufrechterhalten. Weil die Tierrechtsbewegung aber plausiblerweise noch großes Wachstumspotential hat, sind die Welt 2 zugrunde liegenden Annahmen wohl zumindest nicht um Größenordnungen zu optimistisch.

Eine wichtige Beobachtung ist nun, dass der obige Grund zur Eile ein gegenüber der Abschwächung seiner Annahmen robustes Argument liefert. Wird beispielsweise in Welt 2 eine Person überzeugt, die etwas weniger bewirkt als man selbst in Welt 1, dann wird der Grund zur Eile nicht völlig unterminiert – sondern lediglich etwas schwächer.

Bei Berücksichtigung aller Komplikationen ist der Unterschied zwischen der Effektivität von Handlungen in der nahen und ferneren Zukunft also nicht so groß, wie es zunächst scheint. Insgesamt spricht der Grund zur Eile dennoch für die Wichtigkeit der nahen Zukunft, auch wenn es von komplizierten empirischen Fragen abhängt, wie wichtig genau diese ist.

Schlussfolgerung 1: Das Wachstum der Tierrechtsbewegung ist wichtig

Die Tierrechtsbewegung verfügt über limitierte Ressourcen. Diese können einerseits dafür eingesetzt werden, auf relativ direkte Weise Leid zu verringern – beispielsweise durch die Verbreitung einer pflanzlichen Ernährung mithilfe von Flugblättern. Ein anderer Verwendungszweck wäre, mehr Menschen zu effektivem Tierrechtsaktivismus zu motivieren: Ein Beispiel für sogenannte Meta-Arbeit, welche die zukünftige Handlungsfähigkeit verbessert.

Wie sie ihre Ressourcen zwischen Meta- und direkter Arbeit aufteilen sollen, um ihre Wirkung zu maximieren, ist für Tierrechtsorganisationen eine wichtige und schwierig zu klärende Frage. Sicherlich sollten längst nicht alle Ressourcen ausschließlich ins Wachstum der Tierrechtsbewegung investiert werden. Das ist schon allein deshalb nicht sinnvoll, weil eine reine Meta-Bewegung kaum Anhänger/innen finden würde. Direkte Arbeit ist also auch instrumentell wichtig für das Wachstum der Bewegung – das wiederum den letztlich angestrebten tierethischen Zielen dient.

Der obige Grund zur Eile ist aber ein starkes Argument dafür, dass das Wachstum der Tierrechtsbewegung in der nahen Zukunft eines der wichtigsten instrumentellen Ziele sein könnte. Auch Modellrechnungen, die von weniger vereinfachenden Annahmen ausgehen, bestätigen diese Schlussfolgerung.

Schlussfolgerung 2: Handeln und Spenden ist jetzt besonders wertvoll

Der vorgestellte Grund zur Eile spricht dafür, die eigene Zeit in der nahen Zukunft für die Verbreitung der Tierrechtsbewegung einzusetzen. Er liefert aber auch ein starkes Argument dafür, eher jetzt als später zu spenden – und zwar für effektive Meta-Arbeit. Wenn nämlich jetzt mehr Geld zur Verfügung steht, können beispielsweise mehr Vollzeitstellen zur Verbreitung der Bewegung finanziert werden.

Ähnlich lassen sich auch andere Ressourcen in der Regel in Zeit konvertieren. Tatsächlich scheint daher trotz der diskutierten Komplikationen sogar die folgende, allgemeinere Schlussfolgerung gerechtfertigt:

Ressourcen zur Leidminderung sind wesentlich wertvoller, wenn sie früher zur Verfügung stehen.

Weiterführende Beiträge

Andere Erwägungen sprechen hingegen dafür, das eigene Handeln und Spenden zu verzögern. Es scheint zweifelhaft, ob sie den hier diskutierten Grund zur Eile aufwiegen können. Dazu gibt es aber unterschiedliche Positionen, wie etwa die folgenden Beiträge deutlich machen:


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