Veganomics: Wird jedes Schwein, das ich verschone, von jemand anderem gegessen?

Ein häufiger Einwand gegen den Veganismus lautet, dass alle tierlichen Produkte, die eine Person nicht konsumiert, von anderen Personen irgendwo auf der Welt konsumiert würden. Tatsächlich nimmt die Nachfrage nach tierlichen Nahrungsmittel insbesondere in den Schwellenländern (z.B. China) stark zu. Wird diese durch eine Reduktion des Konsums in den Industrieländern sogar noch verstärkt, sodass durch einen Übergang zu veganer Ernährung in globaler Perspektive kein Tierleid reduziert würde?

Der genannte Einwand gegen den Veganismus müsste über den Preismechanismus laufen: Danach würde jedes nicht konsumierte tierliche Nahrungsmittel zu einem Preisrückgang führen, was die Produkte auf dem Weltmarkt relativ billiger machen würden, wodurch sie von anderen Konsumenten vermehrt nachgefragt würden. Im Folgenden wird dieses Argument mit Hilfe von sehr einfachem Überlegungen auf Lehrbuch-Niveau analysiert – und widerlegt.

Der Markt für Schweinfleisch bei vollkommen preisunelastischem Angebot

Der Einwand, dass jedes verschonte Schwein irgendwo auf der Welt von jemandem anderen konsumiert wird, basiert auf der impliziten Annahme eines vollkommen preisunelastischen Angebots an tierlichen Nahrungsmitteln. Denn eine solche Annahme würde bedeuten, dass die angebotene Menge überhaupt nicht auf Preisänderungen reagiert. Der Weltmarkt für Schweinfleisch würde dann modelltheoretisch beispielsweise folgendermassen aussehen:

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Abb. 1: Weltmarkt für Schweinefleisch bei einem (hypothetisch) vollkommen unelastischen Angebot

Bei einer Situation wie in Abb. 1 würde ausgehend von einem Gleichgewicht mit einem Preis P1 und einer Menge Q1 eine Reduktion der Nachfrage nach Schweinfleisch, symbolisiert durch eine Linksverschiebung der Nachfragekurve von D1 auf D2 (z.B. durch eine Erhöhung der Anzahl der vegan lebenden Menschen), nur eine Preissenkung auf den Preis P2 erzeugen. Die verkaufte (konsumierte) Menge an Schweinefleisch würde jedoch konstant bei Q1 bleiben. Der Umsatz der Schweinefleischproduzenten würde sich jedoch reduzieren (von P1 x Q1 auf P2 x Q1). Abb. 1 entspricht dem Einwand oben.

Der Markt für Schweinefleisch bei preiselastischem Angebot

Es ist jedoch falsch anzunehmen, das Angebot an Schweinefleisch (und anderen tierlichen Produkten) sei langfristig vollkommen preisunelastisch. Schon der gesunde Menschenverstand lässt einen zum Ergebnis kommen, dass einige Landwirte auf eine Preisreduktion bei Schweinefleisch reagieren, indem sie beispielweise die Produktion reduzieren, auf andere tierliche Produkte (Hühner, Rinder etc.) umsatteln, auf pflanzliche Produkte umsteigen oder ihren Job ganz an den Nagel hängen. Abb. 2 zeigt, dass unter solchen realistischen Bedingungen eine Nachfragereduktion eine deutliche Mengenreduktion von Q1 auf Q2 zur Folge hätte.

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Abb. 2: Rückgang der Nachfrage nach Schweinefleisch bei preiselastischem Angebot – realistischer Fall

Der Gesamtmarkt für tierliche Produkte weist langfristig ein preiselastisches Angebot auf

Die Analyse oben hat isoliert Schweinefleisch betrachtet. Wenn der Preis für Schweinefleisch sinkt, können die Produzenten reagieren, indem sie Rinder, Milch, Eier oder Hühner (etc.) “produzieren”. Wenn man nun den aggregierten Markt für alle tierlichen Produkte betrachtet und annimmt, dass der Preis aller tierlichen Produkten gleichmässig (z.B. um 1%) zurückgehen würde (da mehr Menschen vegan leben), dann existieren diese alternativen Produktionsmöglichkeiten nicht mehr. Die Alternativen der Landwirte zur Produktion von tierlichen Produkten bestehen dann nur noch in der Produktion pflanzlicher Produkte sowie in der Job-Aufgabe. Dies bedeutet zunächst, dass die Preiselastizität des Angebots niedriger sein dürfte.

Wenn man aber auf der anderen Seite eine längerfristige Perspektive einnimmt, dann kann man nach meiner Auffassung aber sehr wohl von einem preiselastischen Angebot (also einer höheren Elastizität) ausgehen, d.h. eine Preissenkung bei tierlichen Produkten um ein Prozent führt ceteris paribus zu einer Senkung der angebotenen Mengen von mehr als einem Prozent nach z.B. 10 Jahren. Langfristigkeit ist hier deshalb relevant, da es offensichtlich Zeit dauert, bis ein Produzent von einem tierlichen Produkt auf ein pflanzliches Produkt umgestiegen ist. (Ein fast allgemeingültiges Ergebnis in der Mikroökonomik lautet, dass Preiselastizitäten umso höher sind je länger der betrachtete Zeitraum ist, d.h. höher innerhalb von 10 Jahren als innerhalb eines Jahres).

Typischerweise lässt sich über Nachfrageelastizitäten sagen, dass diese umso geringer sind, je breiter man die Produktkategorien wählt. Dies bedeutet, dass die Preiselastizität für Schweinfleisch-Wurst betragsmässig grösser ist als die von Schweinefleisch insgesamt. Deren Preiselastizität ist betragsmässig grösser als die für Fleisch insgesamt, und diese ist wiederum betragsmässig grösser als die von Lebensmitteln insgesamt. Dieses Phänomen liegt darin begründet, dass es für “Scheinefleisch-Wurst” mehr Substitute gibt als für “Schweinefleisch insgesamt”. Und für “Schweinefleisch insgesamt” gibt es mehr Substitute als für “Fleisch insgesamt”.

Ein einfaches Modell für alle tierlichen Produkte könnte nun folgendermassen aussehen:

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Abb. 3: Weltmarkt für tierliche Produkte in langfristiger Betrachtung

Abb. 3 zeigt, dass unter solchen (von mir als realistisch eingeschätzten) Bedingungen eine Nachfragereduktion eine deutliche Mengenreduktion auf Q2 zur Folge hätte.

Um den Einwand von oben zu beantworten: Wenn sich eine Person hierzulande dazu entschliesst, weniger (oder keine) tierlichen Produkte zu konsumieren, werden weltweit tatsächlich weniger “Nutztiere” produziert und konsumiert werden. Das “fast” liegt an der Preissenkung, die durch die inländische Nachfragereduktion induziert wird, solange das Angebot nicht vollkommen elastisch ist (was es definitiv nicht ist).

Wie gross der weltweite Rückgang der Produktion ist, lässt sich nur basierend auf Modellen schätzen. Eine pessimistische Schätzung kommt zum Ergebnis, dass eine einprozentige Reduktion der Nachfrage in den reichen Ländern, die weltweite Menge um 0,5% reduziert. Eine (zu) optimistische Schätzung sagt einen Rückgang um 0,9% voraus.

Quellenangabe

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Evidenzbasierte Wirtschaftspolitik.

Ausführliche Analysen zum Thema dieses Beitrags sind in diesem Artikel zu finden.


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