Trinkwasserinitiative: Ein «Ja» für die Tiere!

Am 13. Juni 2021 wird die Schweizer Bevölkerung über die eidgenössische Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung – Keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz» («Trinkwasserinitiative») abstimmen. Die Initiative hat einen erheblichen Einfluss auf die Schweizer Landwirtschaft, insbesondere auf die Nutztierhaltung innerhalb unserer Landesgrenzen. Nach eingehender Prüfung hat Sentience Politics entschieden, die Trinkwasserinitiative zu unterstützen. Aus unserer Sicht könnte sie einen positiven Effekt auf das Leben vieler Nutztiere haben. Folgende Abschnitte aus dem Initiativtext sind besonders relevant für uns:

«[Der Bund] ergänzt das bäuerliche Einkommen durch Direktzahlungen zur Erzielung eines angemessenen Entgelts für die erbrachten Leistungen, unter der Voraussetzung eines ökologischen Leistungsnachweises, der die Erhaltung der Biodiversität, eine pestizidfreie Produktion und einen Tierbestand, der mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden kann, umfasst.»

«Er schliesst Landwirtschaftsbetriebe von Direktzahlungen aus, die Antibiotika in der Tierhaltung prophylaktisch einsetzen oder deren Produktionssystem einen regelmässigen Einsatz von Antibiotika nötig macht.»

Standortangepasster Tierbestand
Aktuell ist die Hühner- oder auch Schweinehaltung stark von Futtermitteln aus dem Ausland abhängig. Deshalb werden auch rund 70% des Proteins im Kraftfutter aus dem Ausland importiert. Diese Importe führen zwangsläufig zu einem Ungleichgewicht von Nährstoffen in den natürlichen Systemen, da sie mittelfristig als Dünger auf unseren Feldern landen. Laut Agroscope haben wir jährlich einen Überschuss von 5’300 Tonnen Phosphor und 97’000 Tonnen Stickstoff in unseren Systemen. Die importierten Futtermittel machen den grössten Anteil dieser Überschüsse aus.

Eine nachhaltige Tierhaltung kommt ohne importierte Futtermittel aus, bietet den Tieren reichlich Auslauf und ist bodenbewirtschaftend. Die bodenunabhängige industrielle Tierproduktion ist nicht auf Landwirtschaftsland angewiesen. Es stellt sich die Frage, weshalb Masthallen nicht in der Industriezone gebaut werden müssen, sondern auf Landwirtschaftsland gebaut werden dürfen. Diese Art der Tierhaltung – von der nur ein kleiner Teil der Schweizer Landwirtschaftsbetriebe profitiert – ist nicht vereinbar mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.

Tierhaltung, die keine prophylaktischen Antibiotika benötigt
Eine zukunftsfähige, nachhaltige und tiergerechte Landwirtschaft verzichtet auf den prophylaktischen Einsatz von Antibiotika. Leider werden Antibiotika heute routinemässig als Folge von Mängeln in Fütterung, Hygiene oder Haltung eingesetzt. Die hochintensive Produktionsweise, die dadurch ermöglicht wird, setzt auf Tiere, die auf enorm hohe Produktivität gezüchtet wurden und in Massentierhaltung konstant grossem Stress und vielen Keimen ausgesetzt sind. 2019 wurden in der Schweiz 30’108 Kilogramm Antibiotika in der Landwirtschaft eingesetzt. Besonders bei Mastkälbern erfolgen Antibiotikabehandlungen sehr systematisch. Rund 25 Prozent der gesamt verabreichten Antibiotika in der Landwirtschaft werden in der Kälberhaltung eingesetzt. Auch bei der Milchproduktion werden regelmässig Antibiotika eingesetzt. Zwischen 2010 und 2013 setzten neun von zehn Betrieben mindestens einmal Antibiotika gegen Eutererkrankungen ein. Eine Untersuchung von Ferkelzuchtbetrieben aus dem Jahr 2017 stellte zudem fest, dass auf fast 50 Prozent der betrachteten Betriebe prophylaktischer Antibiotikaeinsatz stattfand.

Der Einsatz all dieser Mittel kann langfristig gravierende Folgen haben – in Form multiresistenter Keime auch für die menschliche Gesundheit. In der Vergangenheit wurde von Seiten des Bundes und der Landwirtschaft eine signifikante Reduktion der eingesetzten Antibiotika erreicht. Nichtsdestotrotz deuten die aktuellen Zahlen darauf hin, dass unsere Tierhaltung zu stark auf die Produktion und zu wenig auf gesunde und resistente Tiere ausgelegt ist. Direktzahlungen sind ein Weg, solche Trends zu steuern und sollten so genutzt werden, dass sie den Bedürfnissen der Gesellschaft entsprechen.

Was ist mit dem Import?
Ein oft gehörtes Gegenargument ist, dass die Umstellung der landwirtschaftlichen Praxis in der Schweiz zu einer tieferen Inlandsproduktivität und einem höheren Import an Lebensmittel führen könnte. Das ist nicht unberechtigt, wenn man davon ausgeht, dass das Konsumverhalten der Gesellschaft stabil bleibt. Diese Annahme hält einer genaueren Analyse jedoch nicht stand. Unser Verhalten ist im Wandel, wie das Beispiel des Booms im Angebot pflanzlicher Alternativen zeigt. Klar ist, dass die Entwicklung in Richtung einer nachhaltigen Ernährung von Konsument:innen mitgetragen werden muss. Den institutionellen und systemischen Wandel, der dafür benötigt wird, werden wir als Sentience Politics auch in den kommenden Jahren weiterhin vorantreiben.

Was, wenn die intensivsten Landwirte aus dem Direktzahlungssystem aussteigen?
Eine Sorge der Initiativgegner:innen ist, dass Betriebe, die heute eine sehr intensive Landwirtschaft betreiben, sich entscheiden, aus dem Direktzahlungssystem auszusteigen. Dies gilt wahrscheinlich besonders für grosse Betriebe mit vielen Tieren oder konventionelle Gemüse- und Früchtebetriebe, die grosse Mengen an Pflanzenschutzmittel benötigen. Das sind die Betriebe, die am wenigsten von den Direktzahlungen profitieren, aber tendenziell am meisten von Importfutter und Pestiziden abhängen. Für diese ist der Anteil ihres Einkommens, der von Direktzahlungen kommt, zu klein, als dass sich die Umstellung auf die neuen Regeln lohnen würde.

So nachvollziehbar diese Sorge ist: Für uns ist klar, dass die Direktzahlungen ein Mittel sind, um eine zukunftsfähige, nachhaltige und tiergerechte Landwirtschaft zu unterstützen. Wir sprechen uns für die Initiative aus, weil sie die Vision einer Landwirtschaft zeichnet, die nicht von importiertem Futter abhängig ist und die Tiere nicht in Systemen leben lässt, welche den systematischen Einsatz von Antibiotika bedingen. Direktzahlungen werden aus öffentlichen Geldern gespeist und sollen bzw. müssen an klare Bedingungen geknüpft sein. Mögliche Umsetzungsprobleme dürfen nicht als Vorwand dienen, um progressive Politik zu verhindern.

Deshalb sagen wir am 13. Juni «Ja» zur «Trinkwasserinitiative»!


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