Tierwohl bei Coop: Worte statt Taten

Coop wirbt in Millionen Schweizer Haushalten mit hohen Tierwohl-Standards. Obwohl die Bemühungen begrüssenswert sind, lenken sie gleichzeitig aber davon ab, dass Produkte aus Massentierhaltung auch bei Coop noch immer stark in der Mehrheit sind.

Mit dem Magazin «Tatendrang ist tierisch gut zu Tieren» von Ende Juni präsentiert Coop verschiedene Label-Höfe, die für den Detailhändler produzieren. Artikel zu Mutterkuhhaltung, Zweinutzungshühnern oder Alpschweinen preisen eine tierfreundliche Landwirtschaft an. Laut eigener Aussage belegt Coop mit seinen Produkten seit vielen Jahren regelmässig einen Spitzenplatz beim Tierwohl.

So wird im auflagenstarken Magazin beispielsweise der Legehennenbetrieb von Marc Keller vorgestellt, der für Naturafarm (Coop-Label) Eier und Geflügelfleisch liefert. Bei seinen beiden Ställen à 6’000 Hennen achtet er darauf, dass die Tiere ausreichend Platz zum Scharren und Sandbaden hätten und sich in drei Outdoor-Zonen frei bewegen könnten. Dem Landwirt Keller zufolge sind «Hühner sehr sensible Tiere, die sorgfältig geführt werden müssen».

Taten statt Worte: Teilweise korrekt
Unter dem Motto «Taten statt Worte» stellt Coop auf der Unternehmenswebseite verschiedene Projekte vor, die einen nachhaltigen Konsum fördern sollen. Tierwohl ist eines der von Coop festgelegten Fokusthemen, und wurde auch in den Mehrjahreszielen Nachhaltigkeit 2014–2021 als wichtiges strategisches Engagement festgelegt.

Konkret haben beispielsweise etwa die Tiere in dem Pilotprojekt Wiesenschweine zweimal täglich Zugang zum Freilauf-Bereich, wo sie in einem grosszügigen Wühlbereich herumtollen, oder im Planschbecken baden können. Auch gewann Coop als weltweit erste Detailhändlerin 2016 den «Good Rabbit Award» der renommierten britischen Tierschutzorganisation Compassion in World Farming (CIWF) für ihr Kaninchenfleisch aus besonders tierfreundlicher Haltung.

Was nicht gezeigt wird
Grundsätzlich sind solche Bemühungen zur Stärkung des Tierwohls in der Schweizer Landwirtschaft klar begrüssenswert. Leider lassen die positiven Vorzeigebeispiele aber nicht darüber hinwegsehen, dass der Absatz der konventionellen Fleischproduktion weiterhin steigt – auch bei Coop selbst.

Allgemein gilt nämlich mehrheitlich die Devise, dass Nutztiere möglichst schnell und kostensparend aufgezogen und die Tierprodukte zu Billigpreisen verkauft werden müssen. Massentierhaltung ist das Tagesgeschäft, mit bis zu 27’000 Masthühnern in einem Betrieb und einer A4-Seite Platz für jedes Tier. Mit 10 Schweinen, die sich die Fläche eines durchschnittlichen Autoparkplatzes teilen müssen.

Die Macht der Grossverteiler
Ein Beispiel gefällig? Heute werden in Schweizer Ställen doppelt so viele Masthühner zusammengepfercht als noch vor 20 Jahren. Schweizweit lag der Label- und Bioanteil in der Hühnerfleischproduktion im Jahr 2019 bei gerade einmal 7,8 Prozent. Das sind 5,7 Mio. von gesamthaft 72,3 Mio. geschlachteten Tieren.

Das hat auch mit den Margen der Grossverteiler zu tun. Coop und Migros hätten genügend Macht, den Absatz von Tierwohl- und Label-Produkten zu fördern, indem sie tiefere Aufpreise darauf erheben würden. Aktuell nutzen sie ihr Sortiment in diesem Bereich vor allem für Nachhaltigkeits-Werbekampagnen.

Beispiel Rindsplätzli: Eine Studie des Schweizer Tierschutzes STS zeigt auf, dass die Bruttomarge bei Bio-Produkten bei Grossverteilern bei durchschnittlich 136 Prozent liegt. Bei konventionellen Produkten sind es gerade einmal 47 Prozent. Die Preise für Bio-Produkte werden dadurch künstlich hochgehalten, die Absätze bleiben tief. Die Verlierer in diesem System sind neben den Landwirtinnen und Landwirten und den Konsumierenden vor allem die Tiere.

Der Schweizer Tierschutz STS hat sich deshalb seit längerem für die Angleichung der Margen von Bio- und konventionellen Tierprodukten eingesetzt. Diese Woche wurden die Bemühungen allerdings durch die Wettbewerbskomission (WEKO) ausgebremst. Sie stufte das Preissystem bei Fleisch (Branchenansatz «maximale Preisrelationen»), das der STS den Branchenakteuren vorgeschlagen hatte, als Wettbewerbsabrede ein und lehnte es ab. Für den STS ist das «ein herber Schlag für die Bemühungen zur Förderung des Absatzes von Bio- und Labelfleisch».

Die Rolle von Bell
Doch die Labelpreise sind nicht der einzige Kritikpunkt. Denn auch bezüglich Tierwohl gab es bei Coop bzw. der Firmen-Tochter Bell auch schon Negativ-Schlagzeilen: Im Jahr 2019 stand Bell, die jährlich rund 4 Milliarden Franken mit Fleisch- und Convenience-Produkten umsetzt, aufgrund eines «Truthahn-Skandals» in der Kritik. Die Tiere waren beim Transport von Ungarn nach Deutschland brutal gepackt und mit Schwung in einen Transporter geworfen worden, wobei Flügel oder Hälse eingeklemmt wurden. Schockierende Bilder dieser Vorgänge wurden damals durch den deutschen Verein Soko Tierschutz veröffentlicht. Die Vorwürfe: Tiere würden bei der Verladung misshandelt und müssten auf langen Transportwegen grösste Hitze erleiden.

Auch der klimaneutrale Hühnerstall von Bell, der als gute Tat Nr. 389 aufgelistet ist, wird von Experten wie etwa Florian Leiber vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) kritisiert – denn um Tierwohl geht es dabei kaum. In System mit Photovoltaikanlage auf dem Dach und Wärmerückgewinnungsanlage im Stall können die Tiere nämlich nicht nach draussen.

Weniger Worte, mehr Taten
Wer die positiven Tierwohl-Projekte und die damit einhergehende Charmeoffensive der Realität in der industriellen Nutztierhaltung gegenüberstellt, merkt deutlich: Grossverteiler wie Coop stehen in einem klaren Zielkonflikt.

Wir fordern Coop auf, der Herausgabe des vielversprechenden 50-seitigen Hochglanz-Magazins – das an mehrere Millionen Schweizer Haushalte versendet wurde – echte Taten folgen zu lassen.

Ein Anfang wäre die Erarbeitung eines konkreten Ausstiegsplans aus der Massentierhaltung sowie die Angleichung der Margen zwischen konventionellen und Label-Tierprodukten. Damit «Tatendrang» nicht nur eine Werbebotschaft bleibt, sondern zum glaubwürdigen Unternehmensmotto mutiert.


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