Tierrechtler/innen sollten den Antispeziesismus und nicht den Veganismus in den Vordergrund stellen

Der folgende Artikel wurde als Gastbeitrag von Magnus Vinding verfasst. Die im Artikel ausgedrückten Haltungen stimmen nicht zwingend mit den Ansichten von Sentience Politics überein.

Wie können wir nichtmenschlichen Tieren so gut wie möglich helfen? Eine gute Antwort auf diese Frage könnte Milliarden Tiere vor Leid und Tod bewahren, während eine schlechte genauso viele zum gleichen Schicksal verurteilen könnte. Es lohnt sich deshalb, sich für die Beantwortung ausreichend Zeit zu nehmen.

Die Tierrechtsarbeit auf den Antispeziesismus zu fokussieren, könnte dabei am effektivsten sein. Kurzum: antispeziesistische Tierrechtsarbeit scheint sehr vielversprechend, weil sie alle nichtmenschlichen Tiere umfasst und weitreichende Pflichten gegenüber ihnen fordert. Zudem könnten die Leute besonders empfänglich für diese Art des Engagements für Tiere sein. Darüber hinaus ist es auch wahrscheinlich, dass der Antispeziesismus wahrscheinlich für eine sehr lange Zeit aktuell bleiben wird, was ihn aus einer langfristigen Perspektive als ein einzigartig robusten Ansatz erscheinen lässt.

Der Wert antispeziesistischer Tierrechtsarbeit

Der Antispeziesismus spricht alle Arten an, auf die wir nichtmenschliche Tiere diskriminieren, nicht nur ausgewählte Aspekte dieser Diskriminierung wie Zirkusse oder die Nutztierhaltung. Anders als weiterverbreitete Ansätze des Tierrechtsengagements, fordert er, dass wir alle Formen des Leids berückschtigen, denen nichtmenschliche Tiere ausgesetzt sind.

Kampagnen gegen die Pelzproduktion zum Beispiel umfassen Leid und Tod anderer Formen antispeziesistischer Ausbeutung wie etwa in der Eier- und Milchindustrie nicht. Der Veganismus ist demgegenüber viel breiter, insofern er jegliches direkt durch Menschen verursachtes Leid zurückweist. Sich für die Interessen von vergleichsweise wenigen Lebewesen einzusetzen, wenn man sich mit denselben Ressourcen für die Interessen von deutlich mehr Individuen einsetzen könnte, stellt wahrscheinlich eine verpasste Gelegenheit dar.

Aber selbst der Veganismus ist nicht so breit angelegt wie der Antispeziesismus, sagt er doch nichts über die überwältigende Mehrheit empfindungsfähiger Wesen auf unseren Planeten: Tiere, die in der Natur leben. Wildtiere leiden ebenso und sollten nicht weniger berücksichtigt werden, bloß weil ihr Leid nicht durch uns verschuldet wird.

Der Antispeziesismus impliziert den Veganismus – d.h., dass wir “so weit wie möglich und praktikabel, alle Formen der Ausbeutung von und Grausamkeit gegenüber Tieren zur Ernährung, Kleidung oder allen anderen Zwecken vermeiden” –, aber anders als der Veganismus verlangt er auch, dass wir ernsthaft die nichtmenschlichen Tieren berücksichtigen, die in der Natur geschädigt werden. Aus dem Antispeziesismus folgt, dass wir hilfsbedürftigen Wildtieren helfen sollten, genauso wie wir Menschen helfen sollten, die an Hunger und Krankheiten leiden, die wir nicht verursacht haben. Leider werden nichtmenschliche Tiere in der Natur oft geschädigt und sterben tatsächlich oft an Hunger oder Wasserknappheit. Zum Glück können wir Vieles tun, um auf eine Zukunft mit weniger Leid für sie hinzuarbeiten.

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Leute für eine enger gefasste Botschaft, der man leichter zustimmt, empfänglicher sind, könnte die allumfassende Natur des antispeziesistischen Tierrechtsengagements insgesamt einen höheren Erwartungswert haben.

Aber trifft es überhaupt zu, dass die Leute auf diese Art des Engagements weniger ansprechen? Das Konzept des Antispeziesismus mag abstrakt erscheinen und den Eindruck erwecken, nur engagierte Tierrechtler/innen verstünden es. Es gibt jedoch auch Gründe, die dafür sprechen, dass diese Intuition trügt.

Oscar Horta, ein Professor für Moralphilosophie, der weltweit über Tierrechte referierte, hat diese pessimistische Intuition wiederholt getestet. Bei vielen Vorträge, die er vor spanischen Gymnasiasten hielt, hat er die Haltungen der Teilnehmer systematisch durch einen Fragebogen zu evaluieren versucht. Eines der Hauptresultate der Evaluation war gemäß Horta, dass “[…] die meisten Teilnehmer, entgegen der Annahmen der meisten Leute, die Argumente gegen den Speziesismus akzeptiert haben.”

Es ist beachtlich, dass eine Mehrheit der Anwesenden die Argumente gegen den Speziesismus akzeptiert. Und das sollte uns vielleicht nicht allzu sehr überraschen. Die meisten Leute kennen das Konzept der Diskriminierung bereits, und der Speziesismus stellt nur eine weitere Form der Diskriminierung dar. Der Umstand, dass den meisten Leute das Konzept der Diskriminierung bereits bekannt ist und zustimmen, dass sie nicht gerechtfertigt ist, legt nahe, dass es eine Vorlage gibt, von der aus leicht gegen den Speziesismus argumentiert werden kann. Das könnte Teil der Erklärung dafür sein, warum die meisten von Hortas Zuhörern die Argumente gegen den Speziesismus akzeptiert haben. Ein weiterer Grund könnte darin bestehen, dass die Argumente gegen den Speziesismus außerordentlich stark sind und es schwer ist, gegen sie zu argumentieren. Als Studierende waren Hortas Zuhörer zudem eher in der Lage, das Thema mit einer offenen und rationalen Einstellung anzugehen und den Argumenten zuzustimmen.

Eine weitere interessante Feststellung Hortas war, dass die Studierenden gegenüber einer den Speziesismus ablehnenden Botschaft empfänglicher waren als gegenüber einer, die den Veganismus befürwortet. Horta schreibt:

“Was kontrovers ist, ist nicht wirklich die Diskussion über den Speziesismus. Vielmehr ist der kontroverseste Punkt (wie vielleicht erwartet werden kann) die Diskussion darüber, ob wir aufhören sollten, Tierprodukte zu essen. Diese Diskussion kann jedoch ohne größere Probleme ausgetragen werden, zumindest wenn einige Empfehlungen beachtet werden: Erstens sollte die Diskussion nicht zu Beginn, sondern eher gegen Ende des Vortrags aufkommen, wenn der Speziesismus und das Gebot, alle empfindungsfähigen Wesen zu respektieren, bereits diskutiert wurden. An diesem Punkt sind die Zuhörer eher bereit, dieses Problem zu diskutieren, weil sie eine positive Einstellung gegenüber Tieren und dem Referenten haben. Wenn wir jedoch umgekehrt vorgehen und zuerst für den Veganismus und dann für den Antispeziesismus argumentieren, sind die Reaktionen unterschiedlich. Das Ergebnis ist, dass die Leute weniger bereit sind, über das Thema Veganismus nachzudenken. Und nicht nur das: die Zustimmung zu den Argumenten über den Speziesismus ist auch geringer.”

Wenn dieser Effektivitätsunterschied zwischen veganer und antispeziesistischer Botschaft in der allgemeinen Öffentlichkeit ähnlich ist, ist seine Bedeutung für die Tierrechtsarbeit erheblich: Selbst wenn das Ziel nur darin besteht, den Veganismus zu fördern, könnte der beste Weg, es zu erreichen, darin bestehen, über den Antispeziesismus statt über den Veganismus zu reden oder zumindest über ersteren zuerst zu reden. Zudem sollte auch berücksichtigt werden, dass die Studierenden scheinbar nicht nur gegenüber dem Veganismus selbst, sondern auch gegenüber den Argumenten gegen den Speziesismus weniger empfänglich wurden, wenn unmittelbar vorher über den Veganismus gesprochen wurde.

Darüber, dass die antispeziesistische gegenüber der veganen Tierrechtsarbeit besser geeignet ist, Leute zu Antispeziesisten/innen und Veganer/innen zu machen, könnten wir uns sicherer sein, wenn die Ergebnisse Hortas an einer größeren und diverseren Bevölkerungsgruppe bestätigt werden könnten. Bis dahin legen Hortas Resultate zumindest nahe, dass die Leute die Argumente gegen den Antispeziesismus akzeptieren können und dass der Antispeziesismus eine Tierrechts-Botschaft darstellt, für die sie am empfänglichsten sind.

Schädigt die vegane Tierrechtsarbeit die Wildtiere?

Die vegane Tierrechtsarbeit könnte zudem Tiere schädigen, die von ihr nicht umfasst werden. Horta führt aus:

“Viele Leute, die sich für den Antispeziesismus engagieren, zögern dabei, die Idee zu verteidigen, dass wir notleidenden Tieren in der Natur helfen sollten. Obwohl sie ihr voll zustimmen, glauben sie, dass die meisten Leute sie klar ablehnen und sie sogar für absurd halten würden. Unter den Vortragsteilnehmern gab es jedoch eine breite Zustimmung zur Idee.”

Das ist eine gute Nachricht für Tiere und ihre Fürsprecher, lebt doch die überwältigende Mehrheit nichtmenschlicher Tiere in der Natur. Wildtieren zu helfen – zum Beispiel durch Impfungen und die Behandlung von Krankheiten – könnte einer der effektivsten Wege sein, nichtmenschlichen Tieren zu helfen. Im Gegensatz zur antispeziesistischen Tierrechtsaarbeit schließt die vegane Tierrechtsarbeit die Berücksichtigung ihrer Interessen aus. Das bedeutet, dass ein Fokus auf den Veganismus sich nicht nur suboptimal für die Verbreitung des Antispeziesismus und des Veganismus selbst erweisen könnte (verglichen mit einem Fokus auf den Antispeziesismus bevor man den das Thema des Veganismus aufgreift), sondern auch für das Ziel, Tieren in der Natur zu helfen. Es ist möglich, dass es signifikant schwieriger wird, auf Maßnahmen hinzuarbeiten, die nichtmenschlichen Tieren helfen, wenn über den Veganismus statt über den Antispeziesismus geredet wird.

Verglichen mit dem Veganismus kann der Antispeziesismus auch viel weniger leicht mit dem Umweltschutz in Verbindung gebracht werden, dessen Unterstützer oft offenkundig speziesistische Maßnahmen wie die Massentötung von Tieren zugunsten “gesunder Ökosysteme” befürworten. Dass dem Antispeziesismus das Potenzial abgeht, mit dem Umweltschutz verwechselt zu werden, ist ein weiteres starkes Argument für die antispeziesistische Tierrechtsarbeit.

Über den Veganismus hinaus

Die antispeziesistische Tierrechtsarbeit ist auch viel vernachlässigter als die vegane Tierrechtsarbeit. Der Veganismus wächst und es gibt beträchtliche Anreize für einen Ausstieg aus der Nutztierindustrie, die nichts mit Mitgefühl für Tiere zu tun haben. So ist es zum Beispiel ökonomisch ineffizient, ein Tier zu versorgen, um sein Fleisch und seine Haut zu nutzen statt sein Fleisch und andere tierliche Produkte direkt herzustellen oder sie durch pflanzliche Alternativen zu ersetzen. Ähnlich starke Anreize gibt es im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die durch die Nutztierhaltung gefährdet wird, weil sie das Risiko von Tierkrankheiten, antibiotikaresistenten Bakterien wie MRSA sowie von Herzkreislaufkrankheiten <href=“#Plant-based_diets_and_health“ >erhöht. Es könnte sehr gut zutreffen, dass diese Anreize, die per se nichts mit Altruismus für nichtmenschliche Tiere zu tun haben, die Gesellschaft mehr in Richtung Veganismus bewegen als alles andere.

Ein weiteres Argument, die antispeziesistische Tierrechtsarbeit gegenüber der veganen Tierrechtsarbeit zu bervorzugen, besteht darin, dass die Botschaft ersterer klar ethisch-politisch ist. Sie kann deshalb weniger leicht mit einer moralfreien konsumistischen Präferenz oder einer Modeerscheinung verwechselt werden, wie es beim Veganismus oft der Fall ist. Der Kern des Antispeziesismus ist klar, einfach zu kommunizieren und hat weitreichende Folgen für die Praxis.

Während der Veganismus eine vielversprechende Zukunft hat, scheint die Zukunft des Antispeziesismus viel weniger klar und vielversprechend, und deutlich weniger Leute arbeiten daran, ihn zu fördern. Das legt nahe, dass es viel lohnenswerter sein könnte, unsere limitierten Ressourcen zur Förderung des Antispeziesismus einzusetzen. Und obwohl wir aufgrund der oben erwähnten Anreize in einem Jahrhundert in einer veganen Welt leben könnten, wird sie wahrscheinlich in vielerlei Hinsicht trotzdem noch speziesistisch sein. Das bedeutet, dass sich die antispeziesistische Tierrechtsarbeit nicht nur zur Verbesserung der Situation der nichtmenschlichen Tiere eignet, die wir aktuell schädigen, sondern auch für jene, die in der Zukunft existieren werden. Auf eine weniger speziesistische Zukunft hinzuarbeiten, könnte nicht nur viel zur Schließung von Schlachthäusern beitragen, sondern Tieren weit darüber hinaus helfen.

Nicht zuletzt könnte die Verbreitung des Antispeziesismus einen nützlichen Zwischenschritt zur Entwicklung von Mitgefühl gegenüber empfindungsfähigen nichttierlichen Wesen darstellen. Leider besteht das Risiko, das in der Zukunft neue Arten von empfindungsfähigen Wesen – wie zum Beispiel biologisch gezüchtete Gehirne – entstehen und zu den Opfern einer ganz neuen Art von “Massentierhaltung” werden. So wie unser Mitgefühl mit Menschen, die Diskriminierungen ausgesetzt sind, für die Argumente gegen den Speziesismus hilfreich ist, so könnte auch der Antispeziesismus ähnlich verallgemeinerbar sein und die Argumente gegen neue Formen der Diskriminierung unterstützen.

Weitere Ressourcen

In seinem Vortrag “Different strategies to defend nonhuman animals and challenge speciesism” erörtert Oscar Horta weitere Argumente zugunsten der antispeziesistischen Tierrechtsarbeit.


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