Stellungnahme zur «Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030» des Bundes

«Mit den aktuellen Formulierungen entziehen wir uns unserer Verantwortung»


Allgemeine Würdigung und Kritik
Sentience Politics begrüsst, dass sich der Bund mit dem Thema der nachhaltigen Ernährung sowie mit Weichenstellungen zur Einhaltung der Agenda 2030 für die Schweiz beschäftigt. Wir schätzen die Tatsache, dass das Strategiepapier die nachhaltige Ernährung als einen der wichtigsten Handlungspunkte in diesem Aktionsfeld identifiziert. Wir sind allerdings enttäuscht, dass die Problematik der Tierprodukte in diesem Kontext komplett ausgeklammert wurde. Der Bundesrat windet sich in seinen Formulierungen in theoretischen Konstrukten – der Bezug auf konkrete, nennbare Problemfelder fehlt in den relevanten Kapiteln jedoch mehrheitlich. Gleichzeitig werden bei den Zielsetzungen Lösungsansätze präsentiert, welche der Dringlichkeit der Problematik nicht Rechnung tragen. Sentience Politics befürchtet, dass die Interpretation der derzeitigen Formulierungen weder im privatwirtschaftlichen, noch im öffentlichen Sektor zu Lösungen führt, mit welchen die Schweiz die 2015 definierten Zielsetzungen der Agenda 2030 im Bereich der nachhaltigen Ernährung einhalten kann.

Tierprodukte als Problemfeld
Die Wissenschaft ist sich einig: Tierprodukte bilden das hauptsächliche Problemfeld im Bereich der umweltschädlichen Nahrungsmittelproduktion. Die Schweizer Landwirtschaft emittiert 6.51 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente jährlich, das sind ca. 14% der landesweiten Gesamtemissionen (Stand Juli 2019). Die Nutztierhaltung ist für rund 85% dieser Emissionen verantwortlich. Gleichzeitig importiert die Schweiz jährlich über 1 Million Tonnen Futtermittel (u.a. 280’000 Tonnen Soja, wovon fast 100’000 Tonnen aus Brasilien stammen). Die gesamten Futtermittelimporte der Schweizer Landwirtschaft entsprechen einer zusätzlichen virtuellen Anbaufläche im Ausland von ca. 250’000 ha, was praktisch einer Verdoppelung des aktuellen, offenen Ackerlandes innerhalb unserer Landesgrenzen entspricht. Dass der Bundesrat Fakten wie diese nicht konkret benennt oder Tierprodukte als Fokusbereich der Bemühungen identifiziert, ist für uns nicht verständlich.

Schweizer Lebensmittelpyramide als ungenügendes Vorbild
Ein weiteres Problem der aktuellen Zielformulierungen ist die Orientierung an der Schweizer Lebensmittelpyramide und die selbst in diesem Rahmen tiefe Zielsetzung von einem Drittel der Bevölkerung, die sich bis 2030 nach ihren Richtlinien ernähren soll. Die Schweizer Lebensmittelpyramide entspricht – verglichen mit den Einschätzungen des renommierten EAT-Lancet-Reports, der «Planet-Based Diet» oder des Harvard Food Institutes – nicht den Anforderungen einer klimafreundlichen und nachhaltigen Ernährungsweise. Noch enttäuschender ist die tiefe Prozentzahl der Bevölkerung, die sich gemäss Bundesrat in neun Jahren analog zur Schweizer Lebensmittelpyramide ernähren soll. Aus unserer Sicht ist diese Zielsetzung nicht mutig genug und sie widerspiegelt weder die Notwendigkeit, noch die Dringlichkeit eines systemischen Wandels im Ernährungsbereich. Sentience Politics ist überzeugt davon, dass die Schweiz in dieser Frage eine internationale Führungsrolle einnehmen muss. Mit den aktuellen Formulierungen entziehen wir uns unserer Verantwortung.

Mutigere und ehrlichere Zielsetzungen
Abschliessend halten wir fest, dass wir uns vom Bundesrat mutigere und ehrlichere Zielsetzungen sowie wirklich griffige Massnahmen wünschen. Für letztere verweist das Strategiepapier auf den politischen Prozess. Das ist gefährlich, weil die vorliegenden Formulierungen zu viel Interpretationsspielraum und unnötige Angriffsfläche für jene Akteure bieten, die nicht an der «notwendige[n] Transformation hin zu nachhaltigeren Ernährungssystemen» interessiert sind.

 



Über Sentience Politics

Sentience Politics trägt die Interessen nicht-menschlicher Tiere in die Mitte der Gesellschaft. Die Organisation möchte durch institutionelle Veränderungen dafür sorgen, dass auch das Leid nicht-menschlicher Tiere möglichst effektiv minimiert wird. Dafür arbeitet Sentience Politics insbesondere mit den direktdemokratischen Mitteln, die uns in der Schweiz zur Verfügung stehen – namentlich Initiativen auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene.

 


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