Offener Brief an die Bundesregierung

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,
sehr geehrter Herr Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt,
sehr geehrte Frau Bundesforschungsministerin Wanka,

eine Umstellung auf kultiviertes Fleisch könnte zahlreiche Probleme der derzeitigen industriellen Tierhaltung weitgehend lösen: Statt Tiere großzuziehen und nach einem Bruchteil ihrer Lebenserwartung zu schlachten, wachsen tierliche Zellen in einem Nährmedium zu verzehrbarem Muskelgewebe heran. Dieser Prozess spart Ressourcen, schont das Klima und hat enormes Potential, tierliches und menschliches Leid zu reduzieren. Wir befürworten die Förderung dieser Technologie.

Welthunger: Derzeit werden 35% der globalen Getreideproduktion an Nutztiere verfüttert, was zu steigenden Weltmarktpreisen beiträgt.[1] Das trifft vor allem die ärmsten Menschen der Welt.[2] Gleichzeitig sind 793 Mio. Menschen permanent unterernährt und über 8.000 Kinder sterben täglich an den Folgen.[3]

Klimawandel: Der Konsum tierlicher Lebensmittel ist eine der Hauptursachen für die globale Erwärmung. Rund 15% aller Treibhausgasemissionen weltweit sind auf die landwirtschaftliche Tierhaltung zurückzuführen – das entspricht dem gesamten Transportsektor inkl. Flugverkehr.[4,5]

Wasserverschmutzung: Die Abwässer der industriellen Tierhaltung verseuchen große Teile des ohnehin schon knappen globalen Frischwassers: Sie sind verantwortlich für rund 33% der Stickstoff- und Phosphorverschmutzung, 50% aller Antibiotikarückstände sowie 37% der giftigen Schwermetall- und Pestizidkontaminationen.[4]

Antibiotikaresistenz: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt die zunehmende Antibiotikaresistenz von Krankheitserregern als eine der größten Bedrohungen der globalen Gesundheit ein.[6] Als eine der Hauptursachen gilt der großflächige Einsatz von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung, da sich in einer solchen Umgebung vor allem resistente Erreger vermehren.[7]

Tierleid: Hinzu kommt das massive Leid von Tieren, über deren Empfindungsfähigkeit mittlerweile kein Zweifel mehr besteht.[8,9] Jedes Jahr werden allein in Deutschland über 750 Millionen Landtiere geschlachtet.[10,11] Davor leben sie in oft grausamen Bedingungen, werden ohne Betäubung verstümmelt und leiden an chronischen Schmerzen.[12]

Alle Probleme, die mit der industriellen Tierhaltung einhergehen, würden durch die Umstellung auf kultiviertes Fleisch vermindert oder gar gelöst – ohne Ernährungsumstellung oder die Bevormundung der Bevölkerung. Auch ein kleiner Marktanteil würde bereits Millionen von Tieren unnötiges Leid bei der Zucht, Haltung und Schlachtung ersparen. So würden wir weitreichende Fortschritte beim grundgesetzlich verankerten Tierschutz erzielen.

Bis der Kultivierungsprozess mit der stark subventionierten landwirtschaftlichen Fleischproduktion konkurrieren kann, müssen allerdings noch viele technologische Hürden überwunden werden. Weitere Forschungsarbeit wird derzeit vor allem durch fehlende finanzielle Mittel behindert. Im Gegensatz zu den Niederlanden gibt es in Deutschland beispielsweise kein nationales Förderprogramm für kultiviertes Fleisch, obwohl diese Innovation zahlreiche Probleme auf einen Schlag eindämmen könnte.

Kultiviertes Fleisch ist von einer Utopie zu einer technischen Möglichkeit geworden, die einige der tiefgreifendsten Probleme unserer Gesellschaft mindern könnte. Wir fordern daher die Bundesregierung auf, die Entwicklung dieser Technologie systematisch durch dedizierte materielle Forschungsförderung zu unterstützen.

1  Trostle, R. (2008). Global Agricultural Supply and Demand: Factors Contributing to the Recent Increase in Food Commodity Prices. United States Department of Agriculture (USDA). (http://www.ers.usda.gov/publications/wrs-international-agriculture-and-trade-outlook/wrs-0801.aspx)
2  Hüsser, A., Meienberg, F. & Künzle, M. (2010). Fleisch – weniger ist mehr. (https://issuu.com/erklaerungvbern/docs/doku-fleisch-weniger-ist-mehr)
3 FAO, IFAD & WFP. (2015). The State of Food Insecurity in the World 2015. Meeting the 2014 international hunger targets: taking stock of uneven progress. Food and Agriculture Organization (FAO). (http://www.fao.org/3/a4ef2d16-70a7- 460a-a9ac-2a65a533269a/i4646e.pdf)
4  Gerber, P.J., Steinfeld, H., Henderson, B., Mottet, A., Opio, C., Dijkman, J., Falcucci, A., Tempio, G. 2013. Tackling Climate Change through Livestock: A Global Assessment of Emissions and Mitigation Opportunities. Food and Agriculture Organization (FAO). (http://www.fao.org/docrep/018/i3437e/i3437e.pdf)
5  International Transport Forum. 2010. Reducing Transport Greenhouse Gas Emissions. Organisation for Economic Co-operation und Development (OECD). (http://www.internationaltransportforum.org/Pub/pdf/ 10GHGTrends.pdf)
6  Andremont, A. WHO. What to do about resistant bacteria in the food-chain? (http://www.who.int/bulletin/volumes/ 93/4/15-030415/en/) April 2015. Letzter Zugriff: 02.04.2016.
7 WHO. Antibiotic resistance. (http://www.who.int/mediacentre/factsheets/antibiotic-resistance/en/) April 2015. Letzter Zugriff: 02.04.2016.
8  Low, P., Panksepp, J., Reiss, D., Edelman, D., Van Swinderen, B., Koch, C.. The cambridge declaration on consciousness. Juli 2012.
9  European Commission. Animal welfare. (http://ec.europa.eu/food/animals/welfare/index_en.htm) Dezember 2007. Letzter Zugriff: 03.03.2016.
10  Statistisches Bundesamt. Tiere und tierische Erzeugung. Gewerbliche Schlachtungen. (https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Wirtschaftsbereiche/LandForstwirtschaftFischerei/ TiereundtierischeErzeugung/Tabellen/GewerbSchlachtungJahr.html) Letzter Zugriff: 22.07.2016
11 Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Nutztierhaltung. Geflügel. (http://www.bmel.de/DE/Tier/Nutztierhaltung/Gefluegel/gefluegel_node.html) Letzter Zugriff: 22.07.2016.
12 Albert Schweitzer Stiftung. Massentierhaltung. (https://albert-schweitzer-stiftung.de/massentierhaltung) Letzter Zugriff: 22.07.2016.

Unterstützerinnen und Unterstützer

Prof. Dr. Dieter Birnbacher, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Prof. Dr. Elke Brendel, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Prof. Dr. Tobias Hagen, Frankfurt University of Applied Science
Prof. Dr. Holger Lyre, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Prof. Dr. Thomas Metzinger, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Prof. Dr. Konrad Ott, Christian-Albrechts-Universität Kiel
Prof. Dr. Ulla Wessels, Universität des Saarlandes
Prof. Dr. Philipp Wiedemann, University of Applied Sciences Mannheim
Prof. Winfried Storhas, University of Applied Sciences Mannheim
Dr. Sascha Fink, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Dr. Philipp von Gall, Universität Hohenheim
Dr. Jennifer Windt, Monash Universität

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Positionspapier

FAQ

Kultiviertes Fleisch ist ganz gewöhnliches Fleisch abgesehen von einer wichtigen Eigenschaft: Es wächst außerhalb des Körpers von Tieren. Moderne Technologie ermöglicht uns, einem tierlichen Organismus einige Zellen zu entnehmen, die dann in einer kontrollierten Umgebung heranwachsen. Ein Nährmedium übernimmt die Rolle des Blutkreislaufs, indem es die Zellen mit den nötigen Nährstoffen versorgt. Dadurch können sie sich vermehren und zu reinem Muskelgewebe (Fleisch) heranwachsen.
Fleisch. Im Gegensatz zu pflanzenbasierten Ersatzprodukten ist kultiviertes Fleisch echtes Fleisch, weswegen es auch genauso schmeckt. Auf diese Weise lässt sich Rindfleisch, Schweinefleisch, Hühnchenfleisch oder jedes beliebige andere Fleisch herstellen. Danach schmeckt es dann auch.
Alle verarbeiteten Lebensmittel sind auf gewisse Weise “unnatürlich”. Das gilt beispielsweise auch für Brot, Bier, Käse und Joghurt, die ebenfalls durch Zellkulturen hergestellt werden: Brot und Bier mithilfe von Hefekulturen, Käse und Joghurt mithilfe von bakteriellen Kulturen. Kultiviertes Fleisch entsteht im Prinzip genauso – nur in diesem Fall durch das Kultivieren von Muskelzellen. So gesehen ist kultiviertes Fleisch sogar “natürlicher” als die industrielle Tierhaltung. Denn dort werden häufig synthetische Wachstumshormone oder Antibiotika eingesetzt.
Nein. Zur Herstellung von kultiviertem Fleisch wird lediglich eine kleine Zellprobe benötigt, die einem lebenden Tier mithilfe einer Muskelbiopsie entnommen werden kann. Dieser schneller Eingriff verursacht nur minimale Schäden – besonders im Vergleich zur aktuellen industriellen Tierhaltung – und kann unter lokaler Anästhesie durchgeführt werden. Derzeit enthalten zwar noch einige Nährmedien tierliche Inhaltsstoffe. Doch diese werden bereits schrittweise ersetzt und werden in der kommerziellen Produktion nicht verwendet werden.
Zurzeit befindet sich kultiviertes Fleisch noch in der Prototyp-Phase. Es ist schwer abzuschätzen, wann das Produkt kommerziell erwerblich sein wird. Zur Beantwortung der Frage ist weitere Erforschung kosteneffektiver Produktionsmethoden nötig, weswegen wir die staatliche Förderung von Grundlagenforschung in diesem Bereich fordern.
Aktuell gibt es keine Unternehmen, die kultiviertes Fleisch für den Verbrauchermarkt produzieren. Allerdings erforschen einige Start-ups und Forschungsgruppen verschiedene Aspekte der Technologie. New Harvest hat den besten Überblick über die diversen Projekten.
Zur Herstellung von kultiviertem Fleisch sind keine genetischen Veränderungen nötig und es gibt keine Gründe sie in irgendeinem Stadium des Produktionsprozesses einzuführen. Während früher Forschungsphasen könnten gentechnische Veränderungen die Entwicklung beschleunigen. Doch diese würden nur zu Forschungszwecken genutzt und wären nicht Teil des Endprodukts für den Verbrauchermarkt.
Fast alle würden zustimmen, dass Fleisch gut schmeckt. Doch die für unseren Fleischkonsum aktuell nötige industrielle Tierhaltung hat leider viele schwerwiegende und gefährliche Folgen: Über 60 Milliarden Tiere werden jährlich für die Nahrungsmittelproduktion geschlachtet. Treibhausgase und weitere Schadstoffe aus der Tierhaltung werden in riesigen Mengen in die Umwelt ausgestoßen, was in hohem Maße zum Klimawandel und der globalen Umweltverschmutzung beiträgt. Tierfabriken sind außerdem der ideale Nährboden für potentielle Pandemien, die die globale Gesundheit bedrohen. Kultiviertes Fleisch hingegen benötigt keine geschlachteten Tiere, verursacht weniger Treibhausgase und Wasserverschmutzung und wird unter sauberen, krankheitsfreien Bedingungen hergestellt.
Leider deutet vieles darauf hin, dass eine kleinere Bioproduktion nicht in der Lage ist, die globale Nachfrage von Fleischprodukten zu decken. Außerdem müssten so immer noch Tiere geschlachtet werden, was wir vermeiden wollen.
Das wäre mit Abstand die beste Lösung. Allerdings steigt der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch schneller als die Anzahl an Vegetarierinnen und Vegetariern. Um den Fleischkonsum zu reduzieren, sind also verschiedene Ansätze nötig. Ein Vorteil von kultiviertem Fleisch ist, dass Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Ernährung überhaupt nicht umstellen müssen – sie werden einfach kaum Probleme mehr dadurch verursachen.
Der wichtigste Schritt ist aktuell, verschiedene Methoden zu testen, die einen signifikanten Teil der tierbasierten Produktion ersetzen könnten. Idealerweise würde so ein gradueller Übergang von der industriellen Tierhaltung zu kultiviertem Fleisch und anderen tierfreundlichen, umweltfreundlichen sowie gesunden Fleischprodukten stattfinden.
Im Gegensatz zu anderen kultivierten Produkten wie Käse und Bier wurde die nötige Technologie ursprünglich für medizinische Anwendungen entwickelt und nicht für die Lebensmitteltechnik. Daher stammen bisher alle Prototypen aus medizinischen Laboren, die nicht für die groß angelegte Produktion von Rindfleisch, Schweinefleisch oder Hühnergewebe ausgelegt sind.
New Harvest vereinigt derzeit die weltweit führenden Experten/innen in diesem Gebiet und unterstützt Wissenschaftler/innen dabei, den richtigen Einstieg zu finden. Sie können am besten einschätzen, wo welche Fähigkeiten aktuell gebraucht werden.
 


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Forschungsprojekt: “Visionen von In-vitro-Fleisch”

Dieses Projekt erforscht mögliche ethische Implikationen von kultiviertem Fleisch und klärt über die Technologie auf. mehr…
 
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Forschungsinstitut “New Harvest”

New Harvest vernetzt Forscherinnen und Forscher, stellt Finanzierungen für Projekte zur Verfügung und ist das führende Forschungsinstitut in diesem Bereich. mehr…
 


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