Globuli für die armen Schweine

So schlimm kann es in der Massentierhaltung doch nicht sein. Die vielen Tonnen eingesetzter Antibiotika sollen durch komplementärmedizinische Behandlungen ersetzt werden. Ein Kommentar von Simon John.

Eine Glanzleistung der Ignoranz offensichtlicher Probleme war unlängst in der Zeitung 20 Minuten zu lesen. FDP-Nationalrat Walter Müller verlangt die Förderung alternativmedizinischer Methoden in der Landwirtschaft und beruft sich dabei auf eine Anekdote. „Sie hatte über 42 Grad Fieber“, wird er zitiert, eine Muttersau sei erkrankt. Nach der Verabreichung von Globuli sei das Schwein nach nur einer Stunde wieder auf den Beinen gestanden.

Seinen Vorstoss begründet der Politiker und Landwirt mit der Absicht, den Einsatz von Antibiotika zu verringern. Tatsächlich werden die bakterientötenden Medikamente mit einer beeindruckenden und bedrückenden Selbstverständlichkeit verabreicht. Nicht weniger als zwanzig Tagesdosen erhält jedes Kalb, das in der Schweiz in traditioneller Haltung aufgezogen wird und nach kurzer Mästung seinen Weg in die Nahrungsmittelproduktion findet.

In der Humanmedizin ist längst bekannt, dass besonders die Wechselwirkung zwischen Keimen in der Nutztierhaltung und denen im Gesundheitswesen die Entstehung multiresistenter Bakterien vorantreibt. Es mutet fast schon ironisch an, wenn die Hausärztin einen Patienten nachdrücklich darauf hinweist, das Antibiotikum doch bitte bis zum Ende des Behandlungszyklus einzunehmen, um die Entstehung von Resistenzen zu vermeiden, während man in der Tierhaltung mit den kostbaren Bakterienkillern nur so um sich wirft.

Die Leidtragenden sind diejenigen Patienten, deren Wundnaht sich nach einer Operation infiziert oder deren Hüftimplantat wieder herausoperiert werden muss, weil den multiresistenten Erregern nur mühsam mit Hygienemassnahmen beizukommen ist und das Repertoire an Reserveantibiotika knapp ist. Sie kommen dann zum Zug, wenn die Standardbehandlung versagt und die Bakterien weiter wuchern. Diese Präparate müssen in den letzten Jahren immer häufiger angewendet werden.

Diese Probleme sind bekannt und in ihrer Bedrohlichkeit eindeutig. Dass Lösungen gefunden werden müssen, liegt auf der Hand. Lediglich bei der Frage, welches denn die beste Lösung wäre, verfehlt FDP-Mann Müller gründlich die Zielgerade. Vielmehr scheint er sich auf ihr blind im Kreis zu drehen. Dass Unmengen unserer fleischliefernden Tiere einer starken medizinischen Behandlung bedürfen, lässt uns nur mutmassen, wie prekär die Lebensbedingungen in den Ställen und Hallen aussehen müssen. Mit der Wunschvorstellung, diese gesundheitsfeindlichen Umstände liessen sich mit Globuli beheben, erliegt man dem Irrglauben, die Haltung unserer Nutztiere könne doch eigentlich so schlimm gar nicht sein; die kleinen Krankheiten und Wehwehchen wären unvermeidliche Produkte des Zufalls und liessen sich durch harmlose Placebos therapieren. Leider sind die Erkrankungen allem anderen als dem Zufall geschuldet, denn ohne Antibiotika würde eine Grosszahl der Tiere unter lebensbedrohlichen Infektionen leiden und diesen in vielen Fällen auch erliegen.

Stattdessen sollten wir uns die Frage stellen, wie viel Fleisch und Tierprodukte wir eigentlich zum Leben brauchen. Diese Frage ist unbequem und betrifft uns alle, denn wir können sie im Vergleich zum Gebrauch von Labortieren nicht externalisieren, sondern müssen sie für uns selbst beantworten. Es scheint mehr als unklar zu sein, inwiefern der Konsum tierischer Produkte ökologisch oder ethisch vernünftig gerechtfertigt werden kann. Es wird noch eine Weile dauern, bis Walter Müller dies erkennt. Hoffen wir, dass er mit seiner Position irgendwann alleine dasteht.


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