Exploration vs. Ausnutzung von Strategien innerhalb der Tierrechtsbewegung

Der Kern des Effektiven Altruismus ist es, mit unseren begrenzten Ressourcen möglichst viel Leid zu verhindern. Doch wie schaffen wir das am besten? Wir können uns das folgende Vorgehen vorstellen: Mithilfe von wissenschaftlichen Methoden würden wir zunächst die beste Strategie zur Leidverminderung identifizieren und diese dann bestmöglich umsetzen. Dieses Verfahren ist auf den ersten Blick sinnvoll. Schließlich wäre es sehr großer Zufall, wenn mehrere Strategien genau gleich effektiv wären. Wenn wir unsere Ressourcen also auf mehrere Strategien aufteilen würden, würden wir Teile unserer möglichen Wirkung verspielen.

Sentience Politics hat sich dem Effektiven Altruismus für alle empfindungsfähigen Wesen verschrieben. Aber warum verfolgen wir dann so viele unterschiedliche Projekte, wie die Veröffentlichung von Positionspapieren, die Organisation von Konferenzen und die Durchführung politischer Initiativen? Warum konzentrieren wir uns nicht einfach auf die effektivste Methode? In diesem Beitrag wollen wir diese Frage beantworten und erklären, warum das oben skizzierte Vorgehen zu vereinfacht ist. Da wir die optimale Strategie wahrscheinlich noch nicht gefunden haben, sollten wir weitere Optionen auf ihre jeweilige Effektivität überprüfen.

Exploration vs. Ausnutzung – ein häufiger Konflikt

Da wir als Tierrechtsbewegung unter Unsicherheit dennoch Entscheidungen treffen müssen, sind wir immer wieder mit einer Abwägung konfrontiert, die man üblicherweise als Exploration vs. Ausnutzung bezeichnet. Ein sehr vereinfachtes Beispiel: Angenommen wir haben zwei Münzen, von denen beide so gewichtet sein könnten, dass sie häufiger auf der einen als auf der anderen Seite landen. Der einzige Weg, um herauszufinden, ob sie tatsächlich gewichtet sind, ist, sie zu werfen und die Ergebnisse anzuschauen. Dafür dürfen wir die Münzen so oft in beliebiger Reihenfolge werfen, wie wir wollen. Was sollten wir tun, um die Anzahl von ‚Kopf‘ zu maximieren?

In jedem Fall sollten wir die Ergebnisse der Würfe notieren und die Informationen für unsere Entscheidungen nutzen. Aber wie? Zu jedem Zeitpunkt (d.h. nach einer beliebigen Anzahl von Würfen) wird eine der Münzen häufiger “Kopf” gezeigt haben als die andere, was sie auf Grundlage der bisher gesammelten Informationen als besser erscheinen lässt. Wir könnten unser Wissen entweder nutzen und weiterhin die Münze werfen, die häufiger “Kopf” gezeigt hat, oder aber die andere Münze werfen, um zu erfahren, ob dies noch besser wäre. Da wir nicht beides tun können, befinden wir uns in einer Konfliktsituation.

Um zu verstehen, warum es bisweilen sinnvoller sein könnte, die scheinbar schlechtere Münze zu werfen, sollten wir uns daran erinnern, dass objektiv lediglich eine beste Strategie existiert: diejenige Münze zu werfen, die mit der höheren Wahrscheinlichkeit “Kopf” zeigt. Das verdeutlicht, wie wichtig es ist, die tatsächlichen Wahrscheinlichkeiten vom Ergebnis “Kopf” so schnell und akkurat wie nur möglich in Erfahrung zu bringen. Nur so können wir hohe Opportunitätskosten vermeiden, die durch ein zu häufiges Werfen der schlechteren Münze entstehen. Da wir durch das Ausnutzen von Strategien weniger lernen, kann die Exploration anderer Strategien bisweilen die bessere Wahl sein. Dass dies in vielen Fällen zutrifft, werden wir in Kürze sehen.

In der Zwischenzeit könnten wir uns fragen, warum wir uns mit einem sinnlosen Münzwurfspiel beschäftigen sollten. Doch die in ihm enthaltene Abwägung von Exploration und Ausnutzung kommt auch in vielen realen Situationen vor. Die grundlegenden Merkmale dieser Abwägung sind gleichbleibend, wann immer wir wiederholt zwischen mehreren Optionen wählen und nur begrenzte Informationen über ihren jeweiligen Wert haben: Gerichte auf einer Speisekarte, Gesprächspartner/innen auf einer Party oder Strategien zur Verminderung von Tierleid.

Exploration bietet einen höheren Informationswert

Wie können wir am besten zwischen Exploration und Ausnutzung von Strategien priorisieren? Um diese Frage zu beantworten, können wir das Münzwurf-Beispiel von oben erneut verwenden. Zunächst denken wir möglicherweise, dass das Anwenden von Strategien in jedem Fall sinnvoll ist. Wäre es nicht regelrecht irrational, sich für eine Münze zu entscheiden, die auf der Grundlage bisheriger Informationen suboptimal erscheint? Nach genauerer Betrachtung werden wir jedoch feststellen, dass es eine schlechte Strategie ist, uns immer für die vermeintlich bessere Münze zu entscheiden: Angenommen, Münze #1 hat bislang einmal in 100 Würfen “Kopf” gezeigt, während Münze #2 nur zweimal geworfen wurde und in beiden Fällen Zahl gezeigt hat. Wenn wir uns dazu entscheiden, diese Information fortan zu nutzen, werden wir unendlich lange fortfahren, Münze #1 zu werfen. Aber was ist, wenn Münze #2 die bessere ist? Dabei wäre es vollkommen konsistent mit unseren gesammelten Informationen – und noch nicht einmal besonders unwahrscheinlich –, wenn die tatsächlichen Wahrscheinlichkeiten vom Ergebnis “Kopf” 1% für Münze #1 und 50% für Münze #2 wären. Wenn wir Münze #2 in diesem Fall nicht weiter testen würden, würden wir also weit unter unseren Möglichkeiten bleiben.

Aus diesem Beispiel können wir zweierlei lernen: Erstens könnten wir das Pech haben, dass unsere aktuellen Informationen irreführend sind. Zweitens erkennen wir das Problem schneller, wenn wir diejenige Münze werfen, die bislang seltener geworfen wurde. Bei der Entscheidung, welche Münze wir werfen, stehen zwei Dinge auf dem Spiel: Zum einen wäre da der direkte Nutzen, der aufgrund der bisherigen Daten erwartet und durch Ausnutzung maximiert wird. Zum anderen jedoch hat jeder Münzwurf einen bestimmten Informationswert, der unsere Schätzungen der erwarteten Auszahlung verbessert. Entscheidend ist, dass der zusätzliche Informationswert für noch wenig getestete Optionen höher ist. D.h., dass das häufige Ausnutzen von Strategien einen vergleichsweise geringeren Informationswert hat. In einigen Fällen rechtfertigt der unterschiedliche Informationswert die Entscheidung zur Exploration oder erfordert sie sogar – auch wenn die Ausnutzung von Strategien eine höhere Auszahlung verspricht.

Wann ist Exploration besonders wichtig?

Selbst in dem einfachen Münzwurf-Beispiel ist es eine hoch komplexe Aufgabe, die beste Strategie zu identifizieren oder – in anderen Worten – genau festzulegen, wie oft und wann Exploration sinnvoller als Ausnutzung ist. Es gibt einen Teilbereich der Statistik und des Maschinellen Lernens, der sich der Untersuchung verschiedener Varianten unseres Beispiels widmet. Da wir aber unter realen Bedingungen nicht mit der Entwicklung einer optimalen Strategie rechnen können, sollten wir zumindest zwei Bedingungen im Auge behalten, unter denen das Explorieren von Strategien besonders sinnvoll ist.

Erstens: Je größer die Unterschiede zwischen verfügbaren Optionen sind, desto wichtiger ist das Wissen um ihre tatsächlichen Gewinne. Im unwahrscheinlichen Fall, dass beide Münzen mit gleicher Wahrscheinlichkeit “Kopf” zeigen, können wir nichts Relevantes lernen. Höchstwahrscheinlich unterscheiden sich die Wahrscheinlichkeiten jeder Option jedoch, sodass wir mehr gewinnen können, wenn wir die bessere Münze so schnell wie möglich identifizieren.

Zweitens nimmt der zusätzliche Wert neuer Information mit fortschreitender Zeit tendenziell ab, sodass man langsamer lernt. Die Gesetze der Wahrscheinlichkeitstheorie besagen, dass Schätzungen umso akkurater werden, je höher die Anzahl der Beobachtungen ist, auf denen sie basieren. Ceteris paribus wird das Ausnutzen von Strategien dann attraktiver, wenn es unwahrscheinlicher wird, die falsche gewählt zu haben.

Die Tierrechtsbewegung exploriert möglicherweise nicht genug

Zweifelsohne ist die größtmögliche Verminderung von Tierleid ein deutlich komplizierteres Ziel als die Maximierung der Anzahl von “Köpfen” in einer Reihe von Münzwürfen. Bei jeder einzelnen Entscheidung stehen uns weit mehr Optionen zur Verfügung, als eine von zwei Münzen zu werfen. Daher können wir nicht damit rechnen, dass uns die Verwendung eines statistischen Algorithmus zu einer optimalen Strategie verhelfen wird. Dennoch haben wir hoffentlich einige qualitative Einsichten gewonnen. Der Konflikt zwischen Exploration und Ausnutzung wurde schon ausführlich in Publikationen zu Organisationalem Lernen diskutiert. Die Tierrechtsbewegung kann womöglich Einiges aus dieser Diskussion lernen.

Stellen wir uns eine Organisation vor, die sich nur auf die Verteilung von Flyern konzentriert, welche eine pflanzliche Ernährung bewerben. Würde diese Organisation in die Falle der ausschließlichen Ausnutzung von Strategien tappen? Nicht unbedingt. Die Abwägung zwischen Exploration und Ausnutzung sollten wir wohl am besten auf der Ebene von Bewegungen anwenden. Nehmen wir an, dass sich die verschiedenen Organisationen innerhalb einer Bewegung untereinander gut koordinieren. Sie könnten dann eine Strategie wählen, die ausreichend Exploration vorsieht, und die Aufgabe der Exploration auf mehrere, dafür besonders geeignete Organisationen verteilen. Die Vorteile dieser Arbeitsteilung könnten diese Art von Bewegung effektiver machen als eine Bewegung, in der viele ähnliche Organisationen jeweils individuell explorieren.

Leider ist unsere Bewegung von diesem Idealfall weit entfernt. Zurzeit werden vor allem verschiedene Interventionen ausprobiert, um Menschen von einer Umstellung ihrer Ernährung zu überzeugen. Dieses Ziel wird allerdings nur verfolgt, um letztendlich die Verminderung von Tierleid zu erreichen. Es ist allerdings möglich, dass es Mittel gibt, mit denen wir unser endgültiges Ziel noch effektiver erreichen können, wie z.B. die Förderung der Forschung zu kultiviertem Fleisch. Alles in allem scheint die Tierrechtsbewegung genau die beiden Kriterien aufzuweisen, in der Exploration angemessen ist.

  1. Die Effektivität verschiedener Strategien zur Verminderung von Tierleid könnte sich um Größenordnungen unterscheiden. Stellen wir uns vor, dass die Forschung zu kultiviertem Fleisch durch zusätzliche Förderung beschleunigt wird und kultiviertes Fleisch wirtschaftlich mit konventionellem Fleisch konkurrieren kann. In diesem Fall könnte es eine sehr kosteneffektive Methode sein, um einen sehr großen Teil des Leids in der Massentierhaltung zu beenden.
  2. Da die Idee des effektiven Aktivismus für Tiere noch verhältnismäßig neu ist, wurden bislang nur wenige Ressourcen in das Explorieren investiert. Sogar für vergleichsweise gut untersuchte Maßnahmen wie das Verteilen von Flyern gibt es nur wenige Studien, die mehr als eine Auswahl von anekdotischer Evidenz bieten. Zudem wurden zahlreiche vielversprechende Strategien bislang nicht ausprobiert, geschweige denn evaluiert.

Auch wenn einige Strategien bereits untersucht wurden, scheint es so, als seien zahlreiche andere noch deutlich zu wenig exploriert worden. Die Tierrechtsbewegung kann noch immer viel lernen und sollte mehr Ressourcen in die Exploration neuer Strategien investieren.

Sentience Politics’ Meta-Strategie: vernachlässigte Optionen explorieren

Wir können nun die zu Beginn dieses Beitrags gestellte Frage beantworten: Warum engagiert sich Sentience Politics in so vielen unterschiedlichen Bereichen? Die Antwort darauf ist, dass Sentience Politics versucht, die beste Strategie durch das Explorieren sehr vielversprechender und zugleich vernachlässigter Möglichkeiten herauszufinden. Das heißt, dass wir unter denjenigen Strategien, die den größten Informationswert bieten, jene auswählen, die besonders sorgfältig und strategisch erarbeitet wurden. Das sind momentan:

  • Die Idee des effektiven Spendens verbreiten, zum Beispiel durch Karriereworkshops: Eine Spendennorm zusätzlich zur veganen Ernährungsnorm zu etablieren, könnte die Ressourcen der Tierrechtsbewegung vervielfachen. Ein Aktivist/eine Aktivistin, der/die einen hochbezahlten Beruf ausübt, um regelmäßig hohe Beträge spenden zu können (“Earning to Give”), könnte mühelos mehrere Stellen in einer effektiven Tierrechtsorganisation dauerhaft finanzieren.
  • In der Tierrechtsbewegung eine Fokussierung auf Effektivität fördern, zum Beispiel durch die Organisation von Konferenzen zu effektivem Aktivismus: Zurzeit stehen die Ziele von Spenden innerhalb der Tierrechtsbewegung im falschen Verhältnis zur Anzahl von Tieren, die jeweils betroffen ist. Während die meisten Spenden an Tierrechtsorganisationen Haustieren zugute kommen, existieren weit mehr für die Landwirtschaft gezüchtete oder gar wilde Tiere, die gegenwärtig leiden. Daher könnte es die positive Wirkung der Bewegung deutlich erhöhen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie sehr sich die Effektivität verschiedener Maßnahmen unterscheidet.
  • Politische Initiativen durchführen, um Veränderungen in der Politik zu bewirken: Für effektiven Aktivismus ist die Politik ein attraktiver Bereich, da Menschen generell mehr gewillt zu sein scheinen, politische Maßnahmen zur Verminderung von Tierleid zu unterstützen, als ihre persönliche Ernährung umzustellen.
  • Eine antispeziesistische Denkfabrik gründen, die Projekte verfolgt, wie die Veröffentlichung sorgfältig recherchierter Positionspapiere: Die Tatsache, dass die meisten aller politischen und ethischen Bewegungen eigene Denkfabriken haben, spricht für die Effektivität dieser Strategie. Des Weiteren eignen sich Denkfabriken besonders gut, um einflussreiche Personen zu überzeugen, die häufig sowohl offener gegenüber ethischen Argumenten sind als auch Positionen innehaben, die für die Initiierung sozialen Wandels förderlich sind. Alles in allem könnte eine Denkfabrik ein hoch effektives Forum für die Verbreitung der Forschungsprioritäten, Strategien und Ziele der Tierrechtsbewegung werden.
  • Eine bereichsneutrale Bewegung aufbauen und Ressourcen dorthin lenken, wo sie das meiste Leid verhindern: Auf diese Weise kann die Bewegung die Vorteile der zuvor gesammelten Informationen optimal nutzen. Da der bereichsneutrale Sektor der Tierrechtsbewegung noch relativ jung und klein ist, müsste er ausbaufähig sein, und der Grund zur Eile zeigt, dass das Aufbauen von Bewegungen enorme Vorteile bietet.

Es sollte darauf hingewiesen werden, dass die meisten dieser Strategien Tieren nicht direkt helfen. Vielmehr erhöhen sie die Fähigkeit der Tierrechtsbewegung, Tieren zu helfen, was sie zu Meta-Strategien macht. Da sie möglicherweise deutlich effektiver als gegenwärtige Methoden des veganen Outreachs sind, halten wir ihre Exploration für besonders lohnenswert.

Zusammenfassung

Die Tierrechtsbewegung hat das Ziel, so viel Tierleid wie möglich zu verhindern. Das Erreichen dieses Ziels stellt eine enorme Herausforderung dar und beim Wählen unseres Ansatzes sind wir mit allerlei Unsicherheiten konfrontiert. Bisher hat sich die Tierrechtsbewegung hauptsächlich auf die Förderung einer Ernährungsumstellung konzentriert und andere vielversprechende Strategien außer Acht gelassen.

Um unsere Ausgangsfrage zu beantworten: Vielleicht kennen wir die beste Strategie zur Verminderung von Tierleid: die Meta-Strategie, vielversprechende und bislang vernachlässigte Optionen zu explorieren.


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