Ethisch gesehen ist der Schritt vom Tierwohl zum Tierrecht überraschend klein

Markus Wild (Universität Basel)

Dieser Beitrag erschien unter demselben Titel im Magazin «frei denken. Das Magazin für eine säkulare und humanistische Schweiz» (Juni 2019)

Grossbritannien ist das Geburtsland des Tierschutzes. Das Bemühen, die grausame Behandlung von Nutztieren zu verhindern, gipfelte 1835 im «Cruelty to Animals Act». In diesem Gesetzeswerk wurden die von Brutalität begleiteten Viehtransporte zu den städtischen Märkten geregelt, mangelhafte Fütterung unter Strafe gestellt und besonders grausame Belustigungen verboten, wie die blutigen Schaukämpfe zwischen Bulldogen und Stieren. Seither hat sich der Tierschutz ausgeweitet. Es geht nicht mehr allein um die Vermeidung von Grausamkeit, sondern auch um artgerechte Haltung; es geht nicht nur um Nutztiere, sondern auch um Versuchstiere; das Tierwohl geht nicht allein Veterinäre etwas an, sondern die gesamte Bevölkerung.

Auf diesem Boden steht auch die Tierschutzgesetzgebung der Schweiz, gerne als die weltweit beste gerühmt. Dabei darf man nicht vergessen, dass auch dieses Tierschutzgesetz lediglich Mindeststandards vorgibt. Es ist gesetzlich erlaubt, ein Schwein von 100 Kilogramm auf 0.90 Quadratmeter zu halten, in Deutschland braucht es dazu 0.75 Quadratmeter. Während in der Schweiz die betäubungslose Ferkelkastration seit 2010 verboten ist, wurde sie in Deutschland auch 2019 noch nicht eingeführt. Wie bereits im «Cruelty to Animals Act» geht es um eine Balance zwischen Tierwohl, öffentlichem Bewusstsein und wirtschaftlichen Interessen. Alles in allem überwiegen die wirtschaftlichen Interessen. Das Wohl der Tiere und das Bewusstsein der Öffentlichkeit werden soweit zufrieden gestellt, als es dem Absatz der Produkte förderlich ist.

Hinter der historischen Entwicklung in Grossbritannien stehen aufklärerische Denker wie Jeremy Bentham (1748-1832) und romantische Dichter wie Percy Shelley (1792-1822). Bentham argumentierte, es komme nicht darauf an, ob Tiere denken oder sprechen können, die entscheidende Frage laute, ob sie leiden können. Deshalb forderte er ein modernes Strafrecht, das auch Vorschriften zum Umgang mit Tieren enthalten müsse. Shelley bekannte sich zum Vegetarismus, weil der Fleischkonsum grausam, unnatürlich und ungesund sei. Er bemerkte mit Blick auf den Kolonialhandel, dass Nahrungsmittel keineswegs politisch unschuldig sind, sondern weitreichende Gerechtigkeitsfragen aufwerfen. Während sich Bentham am Prinzip der Leidvermeidung orientierte, ging es Shelley um die Ausbildung einer umfassenden Sensibilität; bemühte sich Bentham um lokale Verbesserungen, fasste Shelley globale Zusammenhänge ins Auge; forderte Bentham eine Regelung unseres Umgangs mit Nutztieren, stellte Shelley die Nutzung von Tieren überhaupt in Frage; während Bentham eine Optimierung unserer Lebensverhältnisse vorschwebte, zielte Shelley auf deren Umwälzung. Ich denke, dass wir Shelley mehr Gehör schenken sollten.

Der Kontrast zwischen Bentham und Shelley zeigt sich heute als Kontrast zwischen Tierwohl und Tierschutz einerseits und Tierbefreiung und Tierrechten andererseits. Tierschützerinnen wollen das bestehende System der Tiernutzung zu Gunsten der Tiere verbessern, Tierrechtlerinnen hingegen sind der Ansicht, dass das System der Tiernutzung ein Übel ist. Die Tierrechtler werfen den Tierschützen vor, dass sie dem System der Ausbeutung von Tieren lediglich Akzeptanz verleihen, aber keine wesentlichen Verbesserungen herbeiführen, letztlich seien Tierwohllabels Marketingstrategien. Die Tierschützer wiederum halten die Forderungen der Tierrechte für extrem, unrealistisch und selbstzerstörerisch.

Ethisch gesehen ist der Schritt vom Tierwohl zum Tierrecht überraschend klein. Wer sich um das Tierwohl sorgt, der möchte, dass Nutztiere keine Schmerzen leiden und dass es ihnen leidlich gut geht, auch wenn sie auf der Schlachtbank landen oder durch die Produktion von Milch und Eiern ausgelaugt werden. Man kann das ethische Prinzip, das hinter dieser Position steht, als das Gebot verstehen, dass man einem empfindungsfähigen Lebewesen keine Schmerzen zufügen soll: Füge niemandem Schaden zu (neminem laedere)! Gibt man aber einem empfindungsfähigen Tier den Tod, so schadet man ihm, weil man ihm die Zukunft und damit die Aussicht auf lustvolle Erlebnisse wegnimmt. Das Töten fällt somit unter das Gebot des neminem laedere, das der Tierschützer ja bereits akzeptiert. Weiter sind Mastschweine, Legehennen oder Milchkühe so gezüchtet, dass sie ein beschwerliches Leben haben, denn ihre Körper sind als Produktionseinheiten gebaut, Schmerz, Leid, Entbehrung und ein früher Tod werden dabei in Kauf genommen. Die Tierrechtlerin argumentiert, dass empfindungsfähige Tiere ein Recht auf Unversehrtheit und Leben haben und dass wir sie nicht nur als Mittel für unsere Zwecke betrachten dürfen.

Die Gräuel der industriellen Massentierhaltung im 20. Jahrhundert haben sowohl dem Tierschutz als auch der Tierrechtsbewegung Auftrieb gegeben. Im Jahr 1964 veröffentlichte die englische Friedensaktivistin Ruth Harrison das Buch «Animal Machines», das die Bedingungen industrialisierter Nutztierhaltung offen legte. Das Buch entfachte öffentliche Debatten, die zur Einsetzung eines Komitees unter der Leitung des Zoologen Roger Brambell führte und schliesslich in nationalen und europäischen Tierschutzgesetzen für Nutztiere gipfelte. Ruth Harris stand im engen Kontakt zur «Oxford Group», einer Gruppe von Philosophiestudentinnen und -studenten an der Universität Oxford, die aus ethischen Gründen vegetarisch lebten und tierethische Argumente entwickelten. Zu ihnen gehörte auch der Psychologe Richard Ryder, der aufgrund seiner Erfahrungen im Labor die Arbeit an wissenschaftlichen Tierversuchen einstellte und den Begriff «Speziesismus» prägte. Dieser Begriff ist in bewusster Analogie zu Begriffen wie «Rassismus» oder «Sexismus» gebildet. Er bezeichnet die moralische Geringschätzung von Lebewesen, allein weil sie zu einer anderen biologischen Art (Spezies) gehören als Menschen.

Ryder hat damit auf einen entscheidenden Punkt in unserem Umgang mit Tieren verwiesen. So überzeugend die tierethischen Argumente auch sein mögen, sie können keine weitreichenden Wirkungen erzielen, wenn sich tiefverwurzelte kulturelle Vorurteile gegen sie sträuben. Tiere, so dieses Vorurteil, haben allein in Bezug auf menschliche Interessen eine Daseinsberechtigung, sei es als Nutztiere, als Schädlinge oder als Vergnügungsobjekte. Der aus Australien stammende Philosoph Peter Singer, der heute bekannteste Tierethiker, kam 1969 nach Oxford und lernte die Mitglieder der Oxforder Gruppe kennen. Er nahm ihre Ideen auf und fügte sie zu einer umfassenden Tierethik zusammen, die auch auf die christlichen Wurzeln unserer Herrschaft über die Tiere verweist, und entfaltete sie in dem nach wie vor lesenswerten Klassiker «Animal Liberation» (1975).

Neben dem Leid der Tiere, der Idee, dass Tiere ein Recht auf Leben haben, und der Einsicht, dass der Tierschutz unsere Vorurteile nicht zu überwinden vermag, tritt in den letzten Jahren ein weiterer Faktor mächtig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, der für Tierrechte spricht, nämlich die Umwelt- und Klimaproblematik. Eine Studie aus dem Jahr 2018 hat ausgerechnet, dass heute auf unserem Planeten nur 4 % aller Säugetiere in freier Wildbahn leben, 60 % davon als Nutztiere gehalten werden, 36% Menschen sind. Auf ein wildes Säugetier kommen über zehn Schweine, Schafe oder Rinder. Pro Jahr werden weltweit ca. 56 Milliarden Tiere geschlachtet, darin sind Fische noch nicht eingerechnet. Eine im selben Jahr publizierte Modellrechnung legt nahe, dass die Tierproduktion global für ca. 60% der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen verantwortlich sei, während sie nur ca. 18% des Anteils an Kalorien und nur ca. 37% des Anteils an Proteinen abdecke. Die Umstellung auf pflanzliche Ernährung würde das weltweit beanspruchte Agrarland um ca. 75% reduzieren. Eine 2017 für die USA durchgeführte Modellrechnung zeigt, dass eine pflanzenbasierte Landwirtschaft die Nahrungsmittelproduktion um 23% steigern und die landwirtschaftliche Treibhausgasemission um 28% senken würde. Es widerspricht dem ungesunden Menschenverstand, dass der Verzicht auf Tiere die Produktion steigert, dabei übersehen wir, dass bei der Produktion von Fleisch, Milch und Eiern Veredelungsverluste entstehen, weil wir pflanzliche Nahrungsmittel Tieren statt direkt Menschen zukommen lassen. Eine weitere Studie von 2018 kommt zum Ergebnis, dass die Verschwendung durch Veredelungsverluste jene durch Foodwaste sogar übersteigt und dass die Umstellung auf vegane Landwirtschaft in den USA zusätzlich 350 Millionen Menschen ernähren könnte.

Wenn wir das von Bentham geforderte Prinzip der Leidvermeidung ernst nehmen und von Shelleys umfassender Sensibilität lernen wollen, kommen wir nicht umhin, uns in Richtung Tierrechte zum Verzicht auf Tierprodukte zu bewegen. Vielen Menschen sehen in einem solchen Verzicht einen persönlichen und kulturellen Verlust. Doch nicht jeder Verzicht ist ein Verlust. 1848/49 hörte der Dichter Gottfried Keller in Heidelberg Vorlesungen des Philosophen Ludwig Feuerbach, der das Christentum als eine Projektion des Menschen kritisierte. Keller war von der Angst verfolgt gewesen, dass die Abkehr vom Glauben einen zu grossen Verlust darstellen könnte. Nach Feuerbachs Vorlesungen stellte sich ihm die Sache anders dar: «Wird die Welt, wird das Leben prosaischer und gemeiner nach Feuerbach! Bis jetzt muss ich des bestimmtesten antworten: Nein! im Gegenteil, es wird alles klarer, strenger, aber auch glühender und sinnlicher.» Dasselbe gilt auch für den Verzicht auf tierliche Lebensmittel: Der Speiseplan wird nicht ärmer, sondern reicher und fantasievoller, die Landschaften werden frei, die Biodiversität nimmt zu, das Schlachten hat ein Ende, der ideologische Druck weicht, die Atmosphäre atmet auf.

Die vier zitierten Studien

  • Yinon M. Bar-On, Rob Phillips, Ron Milo (2018), The biomass distribution on Earth, Proceedings of the National Academy of Sciences 115(25), 6506–6511.
  • Joseph Poore, Tomas Nemecek (2018), Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers, Science 360/6392, 987–992.
  • Robin R. White, Mary Beth Hall (2017), Nutritional and greenhouse gas impacts of removing animals from US agriculture, Proceedings of the National Academy of Sciences 114 (48), E10301–E10308.
  • Alon Shepon et al. (2018). The opportunity cost of animal based diets exceeds all food losses, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 115(15), 3804–3809.

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