Empörung über Primatenversuche – und Fleischkonsum?

Servan Grüninger äussert sich auf dem Politblog des Tagesanzeigers zu den an der ETH/UZH geplanten Primatenversuchen – und zum Fleischkonsum. Er gibt unter anderem zu bedenken, dass es widersprüchlich ist, sich über Tierversuche zu empören, den Fleischkonsum aber für unproblematisch zu halten. In der Forschung stehen letztlich Menschenleben auf dem Spiel, während es beim Fleischkonsum vor allem um etwas Gaumenspass geht (wenn überhaupt: die pflanzliche Ernährung muss keine Genusseinbusse zur Folge haben). Zudem sind in der Forschung weniger Tiere betroffen und die Trendlinie zeigt eine positive Tendenz – zwei Millionen „Versuchstiere“ Anfang der 80er-Jahre, 600’000 im Jahr 2012 –, während die Anzahl „Schlachttiere“ in der Schweiz zwischen 2003 und 2012 von 46 auf 61 Millionen anstieg.

Der Artikel wird seiner Titelansage gerecht: Er liefert einen äusserst wichtigen Gedankenanstoss, den wir mit den folgenden sieben Gedanken aufnehmen:

1) Die Verwendung im Tierversuch entwickelter Therapien muss nicht „heuchlerisch“ sein: Es geht darum, Schäden bestmöglich zu vermeiden. Würde man auf Therapien verzichten, die bereits entwickelt sind, hilft man keinem Tier, sondern schädigt Menschen (und andere Tiere) – was ethisch negativ wäre. Analog: Es bringt niemandem etwas, medizinische Erkenntnisse zu ignorieren, die in krass unethischen Menschenversuchen gewonnen wurden. Zudem: Wenn man einen Grossteil der einem zur Verfügung stehenden Zeit in altruistische Aktivitäten investiert, die einer grossen Anzahl Menschen und/oder Tiere zugute kommen, dann kann es das geringere Übel sein, gewisse (kleinere) Schäden zu verursachen, um lebendig bzw. gesund und maximal produktiv zu bleiben, gerade damit man zum Beispiel einen Beitrag zur Förderung der Tierversuchsalternativen leisten kann. Analog: In unseren Computern steckt Sklavenarbeit. Folgt daraus, dass es für AltruistInnen schlecht und heuchlerisch ist, Computer zu kaufen? Keineswegs, denn ohne Computer wird der altruistische Gesamtimpact viel geringer ausfallen als mit. Die effektivste Strategie zur Reduktion auch der Computer-Sklavenarbeit besteht darin, einen Computer in geeigneter Weise zu verwenden.

2) Wann immer man sagt, dass wir ohne Tierversuche auf gewisse Therapien (länger) verzichten müssten, muss man – um das Bild der Sachlage nicht zu verzerren – im gleichen Atemzug auch sagen, dass wir aktuell auf sehr viele lebensrettende Therapien verzichten, weil wir keine Menschenversuche durchgeführt haben und durchführen. Wir stören uns nicht daran – sondern sind froh darum.

3) Das führt zur entscheidenden Frage, warum/wie genau es konsistent sein kann, die Sache anders zu beurteilen, wenn statt Menschentiere nicht-menschliche Tiere betroffen sind. Die entscheidenden Fragen sind oft die ethischen. Ein Grundproblem des Artikels besteht darin, dass er keine systematische ethische Argumentation enthält, sondern unsystematisch (und ungeprüft) hier und da ethische Aussagen einfliessen lässt. Obwohl die systematische Ethik für die Frage, um die es geht, letztlich entscheidend ist. Und natürlich wäre es allgemein rational, das argumentative Augenmerk auf diejenigen Fragen zu richten, welche sie Sache bzw. unser Handeln letztlich entscheiden.

4) In einer Diskussion zum Artikel wurde argumentiert, Schweine könnten als „Nutz-“ oder „Versuchstiere“ akzeptabel sein, Makaken hingegen nicht. Zu Recht wurde zu bedenken gegeben: Nach welchen Kriterien soll die Trennlinie zwischen „akzeptablen“ und „nicht akzeptablen“ Versuchstieren gezogen werden? In diesem Zusammenhang zu berücksichtigen: Menschen sind Trockennasenprimaten.

5) Bedenkenswert auch: Schweine sind intelligenter als Hunde. Sie können mehr Kommandos lernen und mit Spiegeln umgehen. Gesunde ausgewachsene Schweine sind auch intelligenter als Menschen- oder Makakenkleinkinder.

6) Der Artikel enthält die Aussagen: „Viele Schweizerinnen und Schweizer zeigen sich empört über Tierversuche, sehen jedoch kein Problem darin, Tiere für den persönlichen Genuss leiden und sterben zu lassen.“ Und: „Ich kritisiere niemanden dafür, dass er gerne ein Stück Fleisch auf dem Teller hat.“ – Der Hinweis auf den krassen Widerspruch zwischen Empörung über Tierversuche und Nicht-Empörung über Fleischkonsum ist wichtig. Aber es irritiert, dass Grüninger „Tiere für den persönlichen Genuss leiden und sterben zu lassen“ nicht für kritikwürdig hält (?) – im Gegensatz zu dem, was eigentlich im Tierschutzgesetz steht, und sicherlich zu dem, was Teil einer solid-systematischen ethischen Handlungsgrundlage ist. Auf soliderem Grund stünde man, wenn man a) die vergleichsweise einfache Frage nach der Verursachung von Tierleid und -tod zu rein kulinarischen Zwecken klar negativ beantwortet, um sich auf dieser Grundlage dann b) der schwierigeren Frage anzunähern, ob es ein X gibt, das die aktive Verursachung von schwerem Leid und Tod bei Tieren rechtfertigen kann, und ob Neuro-Grundlagenforschung ein solches X ist. Dazu ist dann relevant, wie analoge Menschenversuche beurteilet würden – kaum jemand würde argumentieren, der Nutzen überwiege – und wie genau das Argument dafür lautet, Tierversuche anders zu beurteilen (oder eben nicht).

7) Grüninger gibt zu bedenken, dass auch die Entwicklung von Tierversuchsalternativen – etwa Computermodelle des menschlichen Gehirns – Tierversuche erfordern. Dazu ist dreierlei zu sagen: Erstens gilt dies nicht für alle Tierversuchsalternativen, und falls es für die besten gilt, stellt sich erneut die Frage, warum wir auf den entsprechend schnelleren medizinischen Fortschritt nicht verzichten sollten, wo wir dies aus menschenrechtlichen Gründen doch sehr umfangreich tun. Zweitens ist zu den Computermodellen des Gehirns konkret zu sagen, dass ihre Förderung ebenfalls Risiken birgt: Nicht wenige Experten im Bereich der Hirnforschung, der künstlichen Intelligenz und der Philosophie des Bewusstseins sind der Meinung, dass hinreichend detaillierte Computermodelle bzw. -simulationen des Gehirns selbst auch Bewusstsein entwickeln würden und demnach ebenfalls leiden könnten – eine reale Möglichkeit, mit der krasse ethische Herausforderungen einhergehen. Und drittens ist grundsätzlich zu fragen, ob medizinische Forschungsinvestitionen überhaupt zu den effektivsten aktuellen Massnahmen gehören, Gesundheit zu fördern. Die Gesundheitsökonomie hat das Quality-Adjusted Life Year (QALY) als Mass für Entscheidungen entwickelt, die wir nolens volens fällen müssen: Ist es – hinsichtlich der Gesundheitsförderung – am zielführendsten, in die Verfügbarkeit bestimmter Therapien in reichen oder armen Ländern zu investieren, oder in bestimmte Forschung? Wenn man zum Beispiel Hirnforschung betreibt, um letztlich Krankheiten zu heilen, die Menschen in reichen Ländern betreffen, dann ist zweifelhaft, ob es sich hierbei um eine zielführende Investition handelt: Allgemein gilt nämlich, dass ein QALY bzw. ein gerettetes Leben (= 30-50 QALY) in armen Ländern ca. 100-mal weniger kostet, d.h. dass mit denselben Ressourcen 100-mal mehr Menschen geholfen werden kann. In Grossbritannien etwa gilt ein QALY grob als „kosteneffektiv“, wenn es weniger als £30’000 kostet. In Entwicklungsländern lässt sich mit den besten Interventionen – die oft kaum zusätzlicher medizinischer Forschung bedürfen – ein QALY bereits mit rund £100 erwirken. Was die aktuelle Verteilung der Forschungsressourcen betrifft, werden viele der Krankheiten, die global die meisten Opfer fordern (etwa Malaria und die sogenannten vernachlässigten Tropenkrankheiten), gegenüber weniger schlimmen Krankheiten massiv benachteiligt – insbesondere deshalb, weil die Bewohner armer Länder weniger kaufkräftig sind. Wenn es einem argumentativ aber um die Förderung der menschlichen Gesundheit an sich geht, kann die unterschiedliche Kaufkraft nicht als Rechtfertigung für die aktuelle Verteilung der Forschungsressourcen herangezogen werden.


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