Mensch, Bakterien, Ernährung: Eine komplizierte Dreiecksbeziehung mit Folgen

Dieser Artikel ist eine Antwort auf das Interview mit Udo Pollmer, welches am 25. April auf 20min.ch erschienen ist. Der Autor dieser Replik ist der Ansicht, dass Udo Pollmers Meinung der Polemik wegen unvollständig ist und aktuelle Forschungsbefunde ignoriert. Zusätzlich vertritt der Autor die Position, dass die Realität weitaus facettenreicher und komplexer ist als Aussagen wie „Das ist totaler Quatsch. Rot, rosa oder weiss: Das eine ein bisschen fettarmer als das andere. Es ist nicht so wichtig, was man isst. Es muss einem bekommen, und das ist auch individuell. Essen macht nicht gesünder.“

Um die Komplexität der Thematik zu verdeutlichen greift der Autor auf eine aktuelle Forschungsstudie zurück. Um die Thematik verständlich zu machen, folgt zuerst eine kurze Einleitung, die anschliessend durch die Ergebnisse ergänzt wird. Ziel dieses Artikels ist es NICHT, die Behauptung aufzustellen, dass eine vegetarische oder vegane Ernährung unumstritten gesünder ist. Die seriöse Wissenschaft tendiert aktuell allerdings dazu, einer fleischarmen bis fleischlosen Ernährung den Vorzug zu geben – dies sollte allerdings keine brandaktuelle Neuigkeit sein. Wie LeserInnen mit Aussagen zur Gesundheit umgehen, sei ihnen überlassen. Dieser Artikel soll die Lesenden hauptsächlich dazu anregen, Udo Pollmers Aussagen kritisch zu hinterfragen. Auch möchte der Autor andeuten, dass der Effekt einer Ernährung tatsächlich kontextabhängig ist und sich nicht nur aus Datentabellen zusammensetzt, welche lediglich die Nährwerte auflisten.

Die Vorspeise

Würde in unserem Körper eine Staatsform herrschen, dann wäre es die Diktatur. Über diesen Umstand können wir uns sehr freuen, wären wir doch die Leidtragenden einer geordneten Demokratie. Nur zehn Prozent der Zellen sind menschlich, die anderen neunzig Prozent bestehen aus Bakterien*. Trotzdem bestimmen immer noch wir, wo es langgeht. An dieser Stelle ist man vielleicht zu dem Trugschluss verführt, dass wir eine ziemlich innige Beziehung, die sich über Jahrmillionen gefestigt hat, mit unseren in und auf uns wohnenden Bakterien führen. Denn obwohl wir von einer zahlenmässigen Überlegenheit heimgesucht werden, spüren wir im Verlauf unseres Leben selten einen Nachteil. Natürlich werden wir ab und zu krank, aber diese kleinen Revolten beweisen uns lediglich, mit welch starker Hand unser Körper normalerweise regiert.

Mit dem Aufkommen neuer molekularbiologischer Methoden begannen sich einige WissenschaftlerInnen intensiv mit der Frage zu beschäftigen, welche Bakterien sich in unserem Darm aufhalten. Einigen schwebte das Bild einer hoch strukturierten Symbiose vor. Symbiose nennen BiologInnen das Zusammenleben zweier (oder mehrerer) Arten, wobei beide von diesem Umstand profitieren. In unserem Beispiel würden die Bakterien von stetiger Nahrungszufuhr profitieren, im Gegenzug würden sie eine gesunde Darmflora aufrechterhalten, die uns im Normalfall vor den ärgerlichen Störenfrieden schützt.

Interessanterweise entdeckte die Forschung, dass unsere Darmflora ein ziemlich flexibles System ist. Angetrieben von einer Art Sammelfieber begeben sich WissenschaftlerInnen nun in verschiedene Länder, sammeln Kotproben von Menschen oder Tieren und benutzen neuartige Sequenzierungstechniken, um die Bakterienpopulation zu bestimmen. Erwartungsgemäss besitzen unterschiedliche Zivilisationen auch unterschiedliche Bakterien. So ist erst vor wenigen Wochen eine wissenschaftliche Arbeit über die Darmbakterien von afrikanischen Jäger- und Sammler-Gesellschaften erschienen. Doch auch innerhalb einer Zivilisation können sich die Bakterien anders zusammensetzen. Einige WissenschaftlerInnen stellten darauf die Hypothese auf, dass unsere kleinen Mitbewohner möglicherweise viel grössere Macht auf uns und unsere Gesundheit ausüben, als wir uns bewusst sind. In einer Studie mit Mäusen wurde gezeigt, dass übergewichtige Artgenossen ein vermehrtes Aufkommen gewisser Bakterienstämme zeigen. Die AutorInnen argumentieren anhand von experimentellen Daten, dass die Bakterien für eine erhöhte Energieaufnahme, die letztlich zum Übergewicht führt, verantwortlich sind.

Welche Bakterien sich in uns ansiedeln hängt grösstenteils davon ab, wie wir uns ernähren (Fun Fact: Auch Haustiere und Mitbewohner üben einen Einfluss auf unsere Darmbakterien aus). Wenn Sie sich bisher gewundert haben, was dieser Eintrag eigentlich bezwecken möchte, dann kommen wir der Sache langsam näher.

Der Hauptgang

VegetarierInnen und VeganerInnen schliessen gewisse Lebensmittel aus. Reicht das, um den Aufbau ihrer Darmflora zu ändern? Ja, und zwar ziemlich signifikant. Diese Beobachtung reicht allerdings noch nicht aus, um ein Fazit zu ziehen. Eine amerikanische Studie, durchgeführt von Robert A. Koeth und Kollegen, die im Jahre 2013 im renommierten Journal ‚Nature Medicine‘ erschienen ist, hilft uns an dieser Stelle weiter. Als Ausgangspunkt bedient sich diese Studie verschiedener Metastudien, die zur Aussage kamen, dass VegetarierInnen und VeganerInnen ein leicht vermindertes Risiko haben, an Herzkrankheiten zu erkranken. Als Gründe wurden verminderte Aufnahme von tierischen Fetten oder Cholesterin angegeben. Doch neuere Studien lassen Zweifel an der Schädlichkeit von tierischen Fetten oder Cholesterin aufkommen. Koeth et al. untersuchten das im roten Fleisch vorkommende Molekül L-Carnitin. Dabei stellten sie fest, dass L-Carnitin im Darm in Trimethylamin (TMA) und schliesslich in Trimethylamin-N-oxid (TMAO) umgewandelt wird. TMAO ist ein Molekül, dass bekannt dafür ist, Arteriosklerose zu fördern. Arteriosklerose kann zu schweren Herzproblemen führen und stellt eine grosse Bürde in industrialisierten Ländern dar. Interessanterweise bildet sich TMAO kaum in VeganerInnen, die ein Steak essen (ja, es haben sich tatsächlich VeganerInnen für diese Studie „geopfert“) oder künstliches L-Carnitin zu sich nehmen. Die ForscherInnen führten dies mit Experimenten auf die veränderte Darmflora zurück. Die in VegetarierInnen, VeganerInnen oder Personen, die einer mediterranen Diät folgen, vorkommenden Darmbakterien sind nicht in der Lage, L-Carnitin zu prozessieren. FleischesserInnen auf der anderen Seite fördern spezifisch durch ihre Ernährung das Wachstum dieser schädlichen Bakterien im Darm. Mausmodelle und eine grossangelegte Populationsstudie untermauerten die Beobachtung der ForscherInnen zusätzlich. Für den Autor ist es als Molekularbiologen zudem von besonderem Interesse, dass die ForscherInnen auch den Mechanismus von TMAO entziffert haben. TMAO hemmt spezifisch einige Gene, die für die Produktion von Gallensäure verantwortlich sind. Gallensäure besteht häufig aus Produkten aus Cholesterin, deren Abbau in FleischesserInnen gestört ist und schliesslich zu Herzproblemen führen kann.

Der Nachtisch

Abschliessend zeigt diese Studie mit ihren schönen Ergebnissen, dass unsere Ernährung tatsächlich einen Einfluss auf uns haben kann. Es mag sein, dass sich die Ernährungswerte zwischen einer veganen/vegetarischen oder einer fleischreichen Diät kaum unterscheiden. Doch die oben erklärte Studie zeigt mit Deutlichkeit auf, dass es noch weitere Faktoren gibt, die wir beachten müssen. Dies widerlegt in den Augen des Autors Udo Pollmers plakative Aussagen und zeigt die eigentliche Komplexität auf, die unter anderem mit neuen molekularbiologischen Methoden aufgedeckt werden kann.

Der gesundheitliche Aspekt ist vielen wahrscheinlich ohnehin nicht so wichtig, denn wir alle begehen täglich so einige Sünden (zu wenig Sport, Rauchen, zu viel Alkohol, fetthaltiges Essen, bei Rot die Strasse überqueren etc.) und sind uns dessen bewusst. Trotzdem ist es uns egal. Wir wollen darum keinen unbeholfenen Gesundheitsfaschismus vertreten und sagen auch nicht aus, dass Vegetarismus oder Veganismus der Gesundheit wegen von allen angestrebt werden soll. Viel mehr sehen wir, dass eine fleischarme oder gar vegetarische und vegane Ernährung ein zu förderndes Gesamtpaket ist, das ökologische, ethische und auch gesundheitliche Aspekte beinhaltet. Letztlich sollte industrialisierte Tötung von jährlich über 60 Milliarden Nutztieren, die uns kognitiv nicht sehr weit entfernt stehen, Grund genug sein, unsere Verhaltensweise zu überdenken.

Dennoch würde ich an dieser Stelle kurz zusammenfassen, wieso diese Studie hilfreich sein kann:

  • Einige Spitäler bieten Programme an, die HerzpatientInnen helfen, ihre Gesundheit nach einem operativen Eingriff wieder zu verbessern (z.B. in New York). Diese Programme enthalten neben Sport auch oftmals vegane Kochkurse. Es ist auch tatsächlich so, dass diese intensive PatientInnenbetreuung zu einer stark verminderten Sterblichkeitsrate führt. VerfechterInnen der pflanzlichen Ernährung wiesen natürlich auf den Nutzen der veganen Lebensweise hin. KritikerInnen sagten, dass der Sport und die Betreuung generell wichtiger sind. Die Studie von Koeth et al. untermauert nun aber, dass eine vegane Ernährung für Leute, die ernährungs- bzw. altersbedingte Probleme mit dem Herz haben, tatsächlich von Nutzen sein kann und die Lebensqualität verbessert.
  • Sie liefert einen kausalen Grund, wieso mehrere Studien eine verminderte Anfälligkeit für kardiovaskuläre Krankheiten bei VegetarierInnen/VeganerInnen fand. KritikerInnen behaupteten stets, dass VegetarierInnen/VeganerInnen sich tendenziell eher um ihre Gesundheit kümmern. Der beobachtete Effekt, so ihre Argumentation, könnte auch zum Beispiel von erhöhter sportlicher Aktivität stammen. Koeth et al. werfen dieser Kritik einige Steine in den Weg.
  • Kleinere Populationen in den USA, auf Inseln im Mittelmeer und in Japan zeichnen sich durch ein erhöhtes Vorkommen von Menschen aus, die über hundert Jahre alt werden (und dazu noch extrem fit sind). Natürlich hängt dies von vielen Faktoren wie Bewegung, soziale Kontakte, genetische Faktoren und Ernährung ab. Interessanterweise lässt sich die Ernährungsweise dieser Menschen als fleischarm beschreiben. Inwieweit dies mit den oben beschrieben Ergebnissen zusammenhängt ist unklar, aber es ist an dieser Stelle trotzdem erwähnenswert.
  • Alternativ können VerfechterInnen der experimentellen Medizin behaupten, dass wir nicht die Ernährung sondern unsere Darmflora umstellen müssen. Das ist ein valider Punkt und einige WissenschaftlerInnen forschen tatsächlich an einer Pille, die unsere Darmflora umstrukturieren kann. Dass dies nicht nur Science-Fiction ist, zeigten einige Studien, die tatsächlich „Fäkaltransplantationen“ durchführten um PatientInnen, die unter einer chronisch gestörten Darmflora litten, zu helfen. Bis wir aber die Frage beantworten können, welche Darmflora uns tatsächlich am freundlichsten gesinnt ist, werden noch einige Jahre vergehen. Theoretisch müsste man dann aber nicht mehr die Ernährung umstellen, um profitieren zu können.

*: Die Zahlen schwanken, aber ein 1:10 Verhältnis wird des Öfteren erwähnt.

Bildnachweis: Originalbild von Nathan Reading


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