Die WOZ und die Grundsatzfrage: Grundrechte für Tiere?

Die WOZ schrieb über Sentience Politics und begann mit:

«Es gibt Dinge, über die lässt sich fast nicht streiten. Zum Beispiel über die Frage, ob es Menschen erlaubt ist, Tiere zu melken oder zu töten. Wer das Lebensrecht von Tieren absolut setzt – und dafür lassen sich durchaus Argumente finden –, wird kaum über Nützlichkeitsabwägungen diskutieren wollen.»

An dieser Grundsatz- bzw. Zielfrage hängt für die (politische) Praxis sehr viel, weshalb es vernünftig wäre, in ihre Beantwortung viel zu investieren. Der WOZ-Artikel schweigt sich über sie aber aus und behandelt in der Folge nur noch Umsetzungsfragen – Stichwort “Düngung” oder “Grasländer”, wozu wir uns hier und hier ausführlich geäussert haben.

Grundrechte für Tiere: Das Kernargument

In der Tat: Für die Grundrechte von Tieren lassen sich starke Argumente finden. (Damit lässt sich über die Grundsatzfrage hervorragend und mit durchaus klaren Resultaten streiten.) Unter Tierethik- und TierrechtsexpertInnen werden sie zum Konsens. Markus Wild, Philosophieprofessor an der Uni Basel, hat in der NZZ unlängst Grundrechte für Tiere gefordert. Das Kernargument besagt, dass ein Wesen dann geschädigt werden kann, wenn es empfindungsfähig (Englisch: sentient) ist, d.h. wenn es insbesondere Glück und Leid empfinden kann. Insofern unterscheidet es sich z.B. von Steinen, die in keiner relevanten Weise geschädigt werden und von Rechten profitieren können. Weil Tiere empfindungsfähig sind, sollten wir es daher allgemein unterlassen, ihnen Gewalt anzutun. Gesetzlich verankerte Grundrechte würden sicherstellen, dass Tiere höchstens in Notsituationen geschädigt werden.

Einwände?

Im extremen Gegensatz zu diesem Prinzip bewirkt der aktuelle Tierkonsum, dass Schweine nach 5% ihrer Lebenserwartung qualvoll vergast werden; dass Rindern (ebenfalls nach einem Bruchteil ihrer Lebenserwartung) ins Gehirn geschossen wird; und dass ihnen schliesslich – manchmal noch bei Bewusstsein – ein Messer in die Kehle gerammt wird.

«Aber es sind ja nur Tiere», wird man entgegnen. Doch was soll damit gemeint sein? Evolutionsbiologisch gehören wir als Trockennasenprimaten ins Tierreich.

Vielleicht meint das Argument, dass Menschentiere ganz spezielle Tiere seien – dass sie und nur sie Eigenschaften besässen, die ihnen besonderes ethisches Gewicht verliehen. Menschentiere sind im Schnitt zum Beispiel viel intelligenter als Schweine und Rinder. Aber warum sollte die Intelligenz plötzlich für das Grundrecht auf Leben und Unversehrtheit relevant sein? Wenn sie es wäre, und wenn wir es damit wirklich ernst meinten, würden ja auch viele Menschen entrechtet (z.B. Kleinkinder oder Menschen mit geistigen Behinderungen oder Altersdemenzen).

Ein verwandter Einwand besagt: «Ohne Pflichten keine Rechte» – und nur Menschen können Pflichten wahrnehmen bzw. bei Pflichtverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden. Erstens stiftet der zitierte Slogan aber Verwirrung, denn «X hat ein Recht» impliziert nicht «X hat eine Pflicht», sondern «Andere haben gegenüber X eine Pflicht». Insofern ist es an sich problemlos möglich, dass jemand über Rechte verfügt, nicht aber über Pflichten. Und zweitens gilt dies für Menschen mit tieferen kognitiven Fähigkeiten ja auch tatsächlich: Kleinkinder etwa haben Grundrechte, aber keine Pflichten.

An diesem Punkt könnte der Einwand dahingehend verfeinert werden, dass Kleinkinder zwar nicht intelligenter seien als Schweine, dass sie aber das Potenzial zu hoher Intelligenz hätten – was den Unterschied mache. Auch dieses Kriterium erfüllen aber nicht alle menschlichen Kleinkinder: Manche sind geistig schwerstbehindert oder terminal krank und hatten aus genetischen Gründen zu keinem Zeitpunkt das Potenzial zu höherer Intelligenz.

Da kommt – und spätestens hier ist der Wunsch, den Tierkonsum zu retten, Vater des Gedankens (statt der unabhängigen Reflexion) – auch gleich die nächste Verfeinerung des Einwands: Alle Menschen sind Mitglieder einer Gruppe, die im Schnitt über hinreichend hohe Intelligenz verfügt, weshalb auch ein Mensch Grundrechte hat, der über tiefere kognitive Fähigkeiten verfügt als ein Schwein, das – trotz höherer Intelligenz – Pech gehabt hat: Es gehört leider nicht zu einer Gruppe, die im Schnitt hinreichend intelligent ist. Hier läuft vieles falsch: Erstens liegt ein Gruppendenken vor, das wir ethisch ansonsten aus gutem Grund ablehnen. Mit dieser Argumentationsform könnte man z.B. die folgende Diskriminierung «begründen»: Job-Bewerberin A hat keinen Master-Abschluss, gehört aber zu einer Gruppe, die im Schnitt einen hat. Bewerberin B hat einen Bachelor-Abschluss und gehört leider nicht zu einer Gruppe, die im Schnitt einen Master-Abschluss hat. Eigentlich erfordert der Job einen Master-Abschluss. BewerberInnen vom Typ A sollen den Job aber immer kriegen, weil sie einer Gruppe mit dem richtigen Schnitt angehören, während BewerberInnen vom Typ B immer ausgeschlossen werden sollen. Zweitens stellt sich die Frage, welche Gruppen denn relevant sind. Die Gruppe bestehend aus Menschen und Schweinen z.B. verfügt im Schnitt auch über hinreichende Intelligenz. Warum greift man sich gerade die Speziesgruppen heraus? Wir fragen hier ja, ob eine Begründung dafür existiert, die Spezieszugehörigkeit in irgendeiner Form für grundrechtlich relevant zu halten – man kann das zu Begründende nicht einfach voraussetzen. Und drittens wird ebenfalls unbegründet vorausgesetzt, dass die Intelligenz grundrechtlich relevant sei. Warum sollte dies der Fall sein? Das obige Kernargument zeigt, warum das Gegenteil der Fall ist: Bei Menschen mit tieferen kognitiven Fähigkeiten denken wir nicht: Eigentlich erfüllen sie das Kriterium für Grundrechtsschutz nicht, aber – noch einmal Glück gehabt! – sie gehören zu einer Gruppe mit dem richtigen Schnitt. Sondern wir denken zu Recht: Es handelt sich hier auch um jemanden (nicht bloss: etwas), der Bedürfnisse bzw. Interessen hat, denen zuwidergehandelt werden kann, der also geschädigt werden kann. Wir selbst könnten auch in der entsprechenden Lage sein: Wenn uns heute Nacht ein Stein auf den Kopf fällt, erwachen wir morgen vielleicht auch mit tieferer Intelligenz. Und wenn wir mit anderen Genen zur Welt gekommen wären, hätte dies schon immer zugetroffen. Auch in diesen Fällen ist es für uns natürlich gut und wichtig, über einen Grundrechtsschutz zu verfügen – denn auch dann würden unsere Interessen verletzt und wir würden schlimmes Leid erfahren, wenn wir rechtlos wären.

Was bleibt also? Man kann das Schwein nur mit der «Begründung» entrechten, dass es «falsch» aussieht. Es hat die «falsche» Anzahl Beine, die «falsche» Kopf- oder Körperform, die «falsche» Haut- und Haarfarbe – bzw. die «falsche» DNA. Nur so lassen sich alle menschlichen von allen nicht-menschlichen Tieren unterscheiden. Allerdings auch nicht strikt, denn es existiert ein evolutionäres Kontinuum: Wo genau wollte man die Grenze ziehen? Wäre uns z.B. der Homo erectus geno- und phänotypisch hinreichend ähnlich, um über Grundrechte zu verfügen?

Diese Grenzziehung ist absurd, weil die Annahme, auf der sie beruht, absurd ist: Gene und Aussehen können für die Grundrechtsfrage nicht relevant sein. Ansonsten liessen sich auch Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus leicht «begründen». Auch hier gilt natürlich: Wenn wir uns vorstellen, wie es wäre, wenn wir selbst andere Gene hätten und anders aussähen – andere Hautfarbe, andere Anzahl Beine, etc. – und deshalb diskriminiert und entrechtet würden, sehen wir ein, was daran falsch ist.

Über 50 Millionen Landtiere töten wir alleine in der Schweiz pro Jahr völlig ohne Not. Dafür gibt es keine vernünftige Begründung, höchstens eine psychosoziale Erklärung: Speziesismus.

 


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