Die Freiheit des Einzelnen… Immanuel Kant vs. Sentience Politics?

Daniel Bösiger meinte in einer Tagesanzeiger-Kolumne, seine Freiheit werde durch die Sentience-Initiative eingeschränkt:

«Schon Kant hat sinngemäss erklärt, wie viel Freiheit der Einzelne beanspruchen kann: so viel, dass diejenige des anderen nicht tangiert wird. In diesem Sinne ist es toll, wenn freiwillig vermehrt vegane Gerichte angeboten werden. Weniger toll ist es jedoch, wenn ich Lust auf Fleisch habe und in der Kantine nicht mehr zwischen Poulet-Curry und Rindsbraten wählen kann – sondern Huhn bestellen muss, weil ein Gesetz einen Tofu-Pilz-Eintopf als Menü 2 vorschreibt.»

Zunächst springt ein Widerspruch ins Auge: Wenn die Betreiber öffentlicher Kantinen freiwillig mehr vegane Gerichte anbieten würden, wäre dies toll? Die Konsequenz wäre ja dieselbe: Das Menü 2 wird vegan.

Weiter hat Bösiger zwar Recht, dass seine Konsumfreiheit ein wenig eingeschränkt wird, wenn er die Vorentscheidung getroffen hat, dass er jeden Tag ein Fleischgericht essen will. Doch er unterschlägt, dass die Konsumfreiheit anderer auch eingeschränkt wird, wenn er kriegt, was seiner Präferenz entspricht: Wenn täglich zwei von zwei Menüs fleischhaltig sind, tangiert dies die Freiheit all derjenigen, die nicht jeden Tag ein Fleischmenü konsumieren wollen. Das sind nicht nur alle VeganerInnen, VegetarierInnen und FlexitarierInnen, sondern auch all jene, die sich als FleischesserInnen bezeichnen und ihren Fleischkonsum gerne etwas reduzieren möchten. Das ist insgesamt eine ansehnliche Anzahl KonsumentInnen, deren Freiheit durch die Bösiger-Präferenz nicht nur ein wenig, sondern stark eingeschränkt wird. Insofern fällt Bösiger im Kant-Test bereits durch, wenn wir nur die unmittelbare Konsumfreiheit der Mensa-KundInnen im Blick haben.

Und dazu ist noch nicht alles gesagt: Wenn pflanzliche Menüs – entsprechend der Sentience-Initiativforderung – leichter verfügbar wären, würden mehr Leute zu ihnen greifen und ihren Fleischkonsum reduzieren (wollen). Zudem kann sich Freiheit auf dem Markt nur dann ausdrücken, wenn korrekte/vollständige Information vorherrscht. Was die pflanzlichen Ernährungsoptionen angeht, herrscht aktuell aber nach wie vor Desinformation vor: Die meisten Leute wissen nicht, wie leicht es bereits heute ist, rein pflanzliche «Fleischgerichte» zu kreieren, die keinerlei Verzicht bedeuten. Ein Beispiel: In einem Test an der Uni Bochum haben die meisten KundInnen nicht bemerkt, dass ihr «Rindsgulasch» vegan war. Ein weiteres: Die SoldatInnen der deutschen Bundeswehr goutierten die vegane Currywurst.

Wären die KonsumentInnen bereits umfassend darüber informiert, wie leicht unsere Gesellschaft kulinarisch ohne spürbaren Verzicht auf «vorwiegend pflanzlich» umstellen könnte, wäre das Segment «vegan/vegetarisch/flexitarisch/weniger Fleisch» noch bedeutend grösser – was die Bösiger-Präferenz als noch unfreiheitlicher erweist. Denn Freiheit besteht darin, das zu tun, was man unter vollständiger Information tun wollen würde. Desinformation beeinträchtigt die Fähigkeit, die eigenen Ziele zu erreichen – und damit die Freiheit.

Der wichtigste Punkt aber fand noch gar keine Erwähnung. Bösiger scheint nicht zu bemerken, wie entgegenkommend die Sentience-Initiativen sind. Denn das Kant-Zitat von der Freiheit des Einzelnen, die dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt, würde natürlich sowohl mit sein Poulet-Curry als auch den Rindsbraten sofort infrage stellen. Denn diese Menüs verletzen…

…die Freiheit der Menschen in ärmeren Ländern und der künftigen Generationen, die von den Folgen des Klimawandels betroffen sein werden, wenn wir heute keine Lösungsmassnahmen ergreifen. (Dieses Argument zieht auch dann, wenn man die Wahrscheinlichkeit für sehr tief hielte, dass vom Klimawandel grosse Gefahren ausgehen.) Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass im Ernährungsbereich mit dem kleinsten Aufwand die grösste Reduktion an Klimaemissionen erreicht werden könnte – das ETH-Start-up Eaternity hat die Fakten zusammengestellt.

…die Freiheit der Hungernden, deren Lebensmittelpreise auch aufgrund der massiven Soja- und Getreidenachfrage der reichen Länder zu hoch sind – rund 80% der globalen Sojaernte und 40% der Getreideernte werden zu Tierfutter. Die UNO prognostiziert ein weiteres Bevölkerungswachstum auf (stabile) neun bis zehn Milliarden Menschen und empfiehlt daher die Förderung der pflanzlichen Ernährung.

…die Freiheit derjenigen, die hierzulande an antibiotikaresistenten Keimen sterben, weil die Tierwirtschaft flächendeckend Antibiotika einsetzt. Um die 1000 Menschen erkranken jährlich an entsprechenden Keimen, rund 80 sterben daran. Wie viele davon auf den Einfluss des Antibiotikaeinsatzes in der Tierwirtschaft entfallen, ist unklar. Es ist aber Konsens, dass die Tierwirtschaft zur Verbreitung resistenter Keime beiträgt – und damit zum Tod von Menschen führt.

…die Freiheit der Tiere, die völlig unnötig eingepfercht und nach einem kleinen Bruchteil ihrer Lebenserwartung getötet werden (hier ein aktuelles Beispiel: Schweinehaltung in Basel-Land). Mit Bösigers Poulet-Curry und Rindsbraten wird nicht etwas gegessen, sondern jemand – ein anderer, der gestern noch gelebt hat. Ein Tier ist keine Sache, sondern jemand, der empfinden und insbesondere auch leiden kann – wie wir. (Was nicht erstaunt: Wir gehören als Trockennasenprimaten ja auch ins evolutionäre Tierreich.) Daher verbietet es das Tierschutzgesetz im Grunde bereits, Tiere ohne Not zu schädigen, was Tierquälerei wäre. Wenn wir aber hier und heute Fleisch essen, dann geschieht dies völlig ohne Not. Man kann sich der Schlussfolgerung daher kaum entziehen, dass die Fleischproduktion letztlich einen tierquälerischen Charakter hat: Wir schränken die Freiheit der Tiere millionenfach massiv ein – ohne Not und daher ohne Rechtfertigung.

Das ist die Schlussfolgerung, zu der auch Christine Korsgaard gelangt, Professorin in Harvard und die vielleicht renommierteste moderne Kant-Vertreterin. Was meinen Sie zum Korsgaard-Artikel über die kantianische Begründung der Tierrechte, Herr Bösiger?

 


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