Der Urwald brennt für unseren Fleischkonsum

Das Amazonasgebiet beherbergt mehr als die Hälfte der tropischen Regenwälder der Welt und bildet etwa einen Drittel der globalen Tropenwaldfläche. Unsere Ernährung ist der Haupttreiber dafür, dass dieses für das globale Klima existenzielle Biom jedes Jahr um eine Fläche von bis zu 10’000 Quadratkilometer schrumpft.

Die Schreckensbilder aus Brasilien gingen 2019 um die Welt – der Amazonas stand in Flammen und wir alle wurde Zeugen davon. Videos, die die Verzweiflung von Mitgliedern indigener Stämme im Amazonasbecken zeigten, gingen viral. Die lokale Bevölkerung war konfrontiert mit einer Katastrophe, die ihr Zuhause dem Erdboden gleich machte.

Doch die Zerstörung von Regenwäldern hat nicht nur den Verlust der Lebensgrundlage für die lokale Bevölkerung zur Folge, sie bedroht auch das globale Klima. Regenwaldbäume speichern enorme Mengen an Kohlenstoff und liefern mehr als ein Fünftel des weltweiten Sauerstoffs. Dadurch sind sie ein wichtiger Faktor im Kampf gegen die globale Erwärmung.  Die fortschreitende Abholzung ist für etwa einen Zehntel der weltweiten Kohlenstoffemissionen verantwortlich. Denn der in den Bäumen gespeicherte Kohlenstoff wird beim Fällen, Verbrennen oder Verrotten wieder freigesetzt. 

Das Schwinden der Wälder ist auch eine Katastrophe für die Biodiversität. Der Regenwald beheimatet die mit Abstand grösste Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten weltweit. Mehr als ein Drittel sämtlicher Säugetier- und Vogelarten finden sich dort und unzählige davon, wie der aktuelle Fall des Amazonasdelfins sinnbildlich aufzeigt, sind unmittelbar vom Aussterben bedroht.

Das World Resources Institute berichtet, dass allein im Jahr 2018 mehr als 1,5 Millionen Hektar Regenwald verloren gingen. Nach Angaben der International Union for Conservation of Nature waren es den letzten zehn Jahren ganze 180 Millionen Hektar weltweit. Mindestens 20% des Amazonasgebietes sind bereits gerodet worden. 

All das wirft die Frage auf: Wieso zerstören wir lebenswichtige Regenwälder?
Die Tierhaltung, insbesondere die Produktion von Fleisch- und Milchprodukten, gilt als Hauptursache für die Abholzung und ist für etwa 80% aller Waldverluste verantwortlich. Im Namen der Landwirtschaft wird Land gerodet, um Platz für Weideflächen und den Anbau von Futterpflanzen wie Soja zu schaffen. Soja ist die wichtigste Proteinquelle in der Nutztierernährung, was dazu führt, dass knapp 80 Prozent der weltweiten Sojabohnenernte an Nutztiere verfüttert wird. Die enorme weltweite Nachfrage nach Soja und Rindfleisch wird durch Importe aus Ländern wie Brasilien gestillt, dem weltweit grössten Exporteur beider Produkte. Angesichts dieser Tatsache ist es nicht überraschend, dass es im konkreten Fall der brasilianischen Buschbrände oftmals die Viehzüchter selbst sind, die als Brandstifter zu Werke gehen. Bei den Bränden 2019 wurden gar sogenannte “Feuertage” organisiert, um spezifische Tropenwaldfächen gezielt für die Weidewirtschaft zu roden. Es gibt wenig Hoffnung, dass die brasilianische Regierung unter Jair Bolsonaro gegen die Rodung des einheimischen Regenwalds vorgehen wird. Im Gegenteil – trotz internationaler Kritik hat er in der Vergangenheit das brasilianische Umweltministerium geschwächt, Waldschutz-NGOs angegriffen und sich für die Nutzung des Regenwalds für Holz, Landwirtschaft und Förderung von Rohstoffen eingesetzt. 

Die Abholzung aufzuhalten wäre zudem auch nur der erste Schritt. Eine aktuelle Studie der ETH weist darauf hin, dass wir dem Klima zuliebe eigentlich mit einer massiven Aufforstung beginnen sollten.

Die Forscher*innen sagen darin, dass die Aufforstung einer Fläche von 0,9 Milliarden Hektar möglich wäre und auf diese Weise zwei Drittel der vom Menschen verursachten CO2-​Emissionen seit der industriellen Revolution aufgenommen werden könnten. Im Licht dieser Studie wird zudem klar, dass dem Klima momentan gleich doppelt geschadet wird: einerseits durch die Abholzung des Regenwalds und andererseits durch die Nutzung dieser neuen Fläche für die tierische Produktion. Statt Flächen aufzuforsten, um vergangene Emissionen zu kompensieren, werden durch die aktuelle Nutzungsweise stetig mehr Emissionen kreiert. Zu den Treibern dieser doppelten Klimabelastung gehören alle Stakeholder, die in Handel mit den entsprechenden tierischen Produkten involviert sind – dazu gehört auch die Schweiz. 

Die Rolle der Schweiz
Um den Schweizer Futtermittelverbrauch zu decken, benötigen wir im Ausland eine Anbaufläche von mehr als 250’000 Hektaren, was beinahe einer Verdoppelung des Schweizerischen Ackerlands entspricht. Nur 15 Prozent des Rohproteins zur Nutztierfütterung kann durch die Schweizer Produktion gedeckt werden. Deshalb wurden im Jahr 2018 für Futtermittelzwecke allein 268’000 Tonnen mehrheitlich brasilianisches Soja in die Schweiz importiert. Diese Ware erfüllt grösstenteils die Mindeststandards, z.B. das Rodungsverbot für Primärwaldflächen. Leider bringt dieser Ansatz aber weniger, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Es ist nämlich wahrscheinlicher, dass diese Standards vor allem zu einer Verschiebung des Problems führen. Denn solange die Sojanachfrage steigt, ersetzt “nachhaltiges” Soja die konventionelle Produktion nicht, sie verdrängt sie eher von “nachhaltigen” auf neu gerodete Flächen. Des Weiteren darf nicht vergessen werden, dass die Ernährung der Schweizer*innen knapp 30% ihrer Umweltschäden und 23% ihrer indirekten Klimaemissionen verursacht. Bei einer rein pflanzlichen Ernährung würden die Umwelteinflüsse halbiert, was sich unter anderem in einer Landnutzungsreduktion von 76% niederschlagen würde. Für dieselbe Anzahl Kalorien wird also wesentlich weniger Fläche benötigt.

Für uns bedeutet das: Was auf unseren Tellern landet, was wir importieren und wie wir unsere hiesigen Nutztiere füttern hat einen messbaren Effekt – auch im Regenwald.

Wie weiter?
Die einfachste Lösung wäre die international koordinierte Abschaffung der Massentierhaltung, wie wir sie für die Schweiz bereits in Form einer nationalen Volksinitiative fordern. Der enorme Futterbedarf, der eng mit der Anzahl Nutztiere verknüpft ist, würde durch einen solchen Schritt drastisch einbrechen. Es wäre schlicht nicht mehr nötig, so viele Tiere zu füttern. Die EU hat kürzlich ihren eigenen “grünen Deal” veröffentlicht, mit dem sie die Biodiversität stärken und die Treibhausgasemissionen auf gesamteuropäischer Ebene senken möchte. Greenpeace kommentierte sogleich, dass die Massentierhaltung in diesem Plan fast gänzlich ausgeklammert wird. Es gibt also auch auf politischer Ebene noch viel zu tun.

Neben einschneidenden Entscheidungen auf politischer Ebene kann auch das individuelle Konsumverhalten einen starken Einfluss haben. Je mehr Menschen sich mehrheitlich pflanzlich ernähren, desto geringer ist der Futtermittelbedarf. 

Und dabei braucht es jede*n von uns. Denn wie es bereits Polarforscher und Umweltschützer Robert Swan einmal gesagt hat: “Die grösste Bedrohung für unseren Planeten ist der Glaube, dass jemand anders ihn retten wird.”


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