Bringen Tierschutzreformen überhaupt etwas? Wir vermuten: Eher ja.

Als politischer Think-Tank, der das Ziel hat, die Interessen aller empfindungsfähigen Wesen in vollem Umfang zu berücksichtigen, interessieren wir uns für die aktuelle Kampagne im US-Bundesstaat Massachusetts, die einige der qualvollsten Haltungspraktiken der Tierindustrie beenden will. Wenn die Wähler Massachusetts’ den Gesetzesvorschlag unterstützen, wird “der Verkauf von Eiern, Rind- und Schweinefleisch von Nutztieren, die nicht genügend Platz haben, sich hinzulegen, aufzustehen, ihre Glieder auszustrecken oder sich umzudrehen, verboten.” Wir freuen uns, uns den Nonprofit-Organisationen, öffentlichen Figuren, Unternehmen und vielen weiteren Parteien anzuschließen, die die Initiative unterstützen.

Wir unterstützen die Initiative, weil eine solche Intensivhaltung mit starkem Leid für die Tiere einhergeht. Wir denken, dass solche Reformen nur eine beschränkte Verbesserung der weiterhin qualvollen Leben der Tiere darstellen, dass sie aber einen Teil ihres Leids mildern. Noch wichtiger ist jedoch, dass solche und ähnliche Reformen vermutlich zu einer noch größeren öffentlichen Unterstützung für Nutztiere (und schließlich) für alle Tiere führen. Wir möchten diese letzte Überlegung noch kurz weiter ausführen, da wir die langfristige Wirkung unserer Handlungen für besonders wichtig halten und weil wir denken, dass sie von der Tierrechtsbewegung teilweise vernachlässigt werden.

Wir teilen die Bedenken einiger Tierrechtler/innen, dass rechtliche und Unternehmensreformen, die das Leid von Nutztieren mindern, aber nicht direkt ihre Verwendung als Eigentum infrage stellen oder ihre Zahl reduzieren, das Risiko mit sich bringen, in der Öffentlichkeit eine gewisse Selbstgefälligkeit auszulösen. Das könnte dazu führen, dass die Gesellschaft sich mit unserem weiterhin bedauernswerten Umgang mit Tieren zufrieden gibt und unsere Fähigkeit mindern, langfristige positive Veränderungen für Tiere zu erwirken. Viele Tierrechtler/innen äußern insbesondere Bedenken über das “Humane-Washing”, die Kennzeichnung von Produkten, deren Erzeugung schlimmes Tierleid enthält, mit Begriffen und Bildern, die die Konsumenten dazu verleiten, zu glauben, dass die Tiere glückliche Leben gelebt haben.

Aktuell – und obwohl wir denken, dass viel mehr Forschung zu diesen Themen nötig ist – denken wir aber, dass solche Reformen wahrscheinlich der Tierrechtsbewegung eher zu weiterem Auftrieb verhelfen, als dass sie dazu führen, dass wir uns mit den Problemen der Tierhaltung zufrieden geben. Wie bezüglich vieler Forschungsergebnisse des komplexen und wenig erforschten Gebiets der effektiven Tierrechtsarbeit sind wir uns bei unserem aktuellen Urteil nicht sehr sicher. Wir beabsichtigen daher, weitere Forschung zu diesem Thema durchzuführen und zu unterstützen, einschließlich der Geschichte und Soziologie davon, wie solche graduellen Verbesserungen den Erfolg einer sozialen Bewegung beeinflussen.

Argumente pro Tierschutzreformen

Wir sind aktuell gegenüber Tierschutzreformen aufgrund der folgenden Beobachtungen optimistisch eingestellt:

Erstens gibt es gewisse Evidenz [1] dafür, dass Tierschutzreformen die Gesamtzahl der gehaltenen Tiere reduzieren, möglicherweise indem sie zu Preiserhöhungen führen oder die öffentlichen Meinung verschieben.

Zweitens: Wenn wir die bisherigen Tierschutzreformen anschauen, sehen wir eine gewisse Evidenz dafür, dass sie eher zu mehr “Auftrieb” für weitere Tierrechtsforderungen als zu mehr “Selbstgefälligkeit” bezüglich des verbesserten Tierschutzstandards führen. Einer kürzlichen Welle von Zusagen von US-Produzenten, auf käfigfreie Eier umzustellen, folgte kurz danach die Ankündigung von United Egg Producers, einer Genossenschaft von US-Eierproduzenten, aus der Tötung männlicher Küken auszusteigen, was nahelegt, dass Reformen ein Momentum für weitere Reformen schaffen. [2]

Drittens haben wir wahrgenommen, dass die Medienberichterstattung über die Reformen oft die Missstände der Tierhaltung hervorhebt und darauf fokussiert, was als nächstes kommt, statt nahezulegen, dass die Reformen eine Lösung für die Probleme der Tierhaltung darstellen. [3]

Bezüglich Unternehmensreformen sind Tierrechtsorganisationen, die Beziehungen mit den Unternehmen aufbauen, die die Reformen umsetzen wollen, in einer besseren Position, mit ihnen weitere Maßnahmen wie etwa die Einführung tierfreier Alternativen zu verhandeln.

Es gibt auch Evidenz dafür, dass “Foot-in-the-door”-Strategien effektiv sein können, um Individuen dazu zu bringen größere Schritte zu machen, und das ist genau was Tierschutzreformen darstellen – einen Schritt weg von der vollständigen Rücksichtslosigkeit gegenüber diesen Tieren und in Richtung einer vollen Berücksichtigung ihrer Interessen. Diese Strategie scheint effektiver bei Individuen, die in einer stärker individualistischen Kultur mit konsistenteren und weniger flexiblen Selbstwahrnehmungen aufgewachsen sind. Das legt nahe, dass die amerikanische Kultur, wenn nicht gar die westliche Kultur genereller, für diesen Ansatz besonders geeignet sind, und dass die Zustimmung zu weiteren Aufforderungen insbesondere eher von Innenwahrnehmungen abhängt als davon, von wem sie ausgehen. Das bedeutet, dass darauffolgende Forderungen von unterschiedlichen Tierrechtlern/innen oder Tierrechtsorganisationen gemacht werden können. Es gibt Evidenz dafür, dass “Door-in-the-face”-Strategien möglicherweise ähnlich effektiv sind, aber dieser Effekt könnte davon abhängen, dass die gleichen Personen sowohl die ursprüngliche (extreme) als auch die endgültige (mildere und tatsächliche) Aufforderung macht, weshalb unklar ist, ob sich dieser Reziprozitäts-Effekt auf Anliegen einer breiteren Bewegung skalieren lässt.

Im großen Ganzen erwarten wir eher, dass sich die Gesellschaft durch zunehmende Unterstützung von Öffentlichkeit, Industrie und politischen Entscheidungsträgern/innen graduell von der Massentierhaltung entfernt, als dass es zu einem abrupten Wechsel vom Status quo (Züchtung einer extrem hohen und weiterhin steigenden Anzahl von Tieren und Einsperrung der Mehrheit von ihnen in Tierfabriken) zu einem Landwirtschaftssystem kommt, das die Interessen nicht-menschlicher Tiere nicht unter die vergleichsweise trivialen Interessen der Nutztierindustrie stellt. Reformen, die kleine Fortschritte vom aktuellen Zustand darstellen, können diesen Übergang unterstützen – aber es ist auch notwendig, dass die Konsumenten/innen ihren Konsum von tierlichen Nahrungsmitteln reduzieren (unterstützt durch Unternehmen, die überzeugende pflanzliche Alternativen anbieten), und es braucht politische Entscheidungsträger/innen, die andere Maßnahmen ergreifen, um das Ausmaß der Tierhaltung zu reduzieren.

Evidenz contra Tierschutzreformen

Einige psychologische Experimente legen nahe, dass es die Leute auf einer individuellen Ebene weniger altruistisch macht, wenn sie sich zuvor bereits für eine ethisch gute Handlung entschieden haben – ein Effekt, der als “Moral Licensing” oder “Moral Balancing” bezeichnet wird. So zeigt z.B. eine Studie, dass die Leute sich eher für unökologische Handlungsoptionen entscheiden, wenn sie zuvor nachhaltige Konsumentscheidungen getroffen haben. Das könnte nahelegen, dass der Kauf von Produkten mit höheren Tierschutzstandards (oder deren Kennzeichnung das zumindest vermuten lässt) gewisse negative Handlungsentscheidungen oder eine nachlässigere Haltung gegenüber der Tierhaltung begünstigen könnte. Es gibt jedoch Daten, die sowohl “Moral Balancing” als auch den gegenteiligen Effekt von “Moral Consistency” im individuellen Entscheidungsverhalten stützen, und es ist schwierig abzuschätzen, inwiefern diese individuellen Verhaltenseffekte mit breiterer sozialer und einstellungsbezogener Selbstgefälligkeit sowie gesellschaftlicher Dynamik korrelieren.

Kooperative Tierrechtsarbeit

Die Evidenz, die wir aktuell für die langfristigen Effekte von Reformen wie des Bürgerbegehrens in Massachusetts haben, ist klein, deutet aber in Richtung “Auftrieb” als überwiegendes Argument, zusätzlich zu der sicheren kurzfristigen Leidminderung für Nutztiere. Aber selbst wenn einzelne Tierrechtsaktivisten und Organisationen gegenüber Tierrechtsreformen skeptisch sind, ist es wichtig, miteinander zu kooperieren und einander wann immer möglich zu unterstützen, denn die Ressourcen der Tierrechtsbewegung sind massiv geringer als die der Nutztierindustrie. Unsere Bewegung ist immer noch jung und wir sollten weiterhin eine Reihe von Strategien testen, um herauszufinden, was am besten funktioniert. Schau dir unsere Forschungsagenda an und melde dich bei unserem Forschungsnetzwerk an, wenn du gerne über unsere Forschungsbemühungen informiert bleiben willst oder dich an ihnen beteiligen willst, um Fragen wie die Wirkung von Tierschutzreformen besser zu verstehen.

Fußnoten

  1. Durch eine Umstellung auf eine käfigfreie Eierproduktion könnte in den USA die Anzahl konsumierter Eier um 3% gesenkt werden. Eine Diskussion der Elastizität und der Effekte von Reformen in der Eierproduktion findet sich in dieser in Poultry Science publizierten Analyse.
  2. Dieser Ankündigung folgte die Zusage von Perdue, seine Haltungs- und Schlachtbedingungen für Masthühner zu verbessern. Perdues grausame Haltung von Hühnern wurde kürzlich durch Undercover-Filmmaterial von Mercy for Animals aufgedeckt, weshalb die Aussicht darauf, in der Öffentlichkeit besser dazustehen als der Rest der Industrie, wohl nicht Perdues einzige Motivation für die Zusage darstellte. Viele Details der Zusage sind zudem schwammig. Es ist deshalb unklar, inwiefern diese Zusage “Humane-Washing” darstellt und wie viel sich schließlich ändern wird – ebenso wenig ist klar, wie “Humane-Washing” ohne Reformen die soziale Dynamik und Selbstgefälligkeit der Konsumenten/innen beeinflusst. (Was für eine Wirkung hat es zum Beispiel auf Konsumenten/innen, wenn sie feststellen, dass die Tiere trotzdem unglaublich leiden, nachdem die Industrie ihnen zuvor suggerierte, dass das Leid der Tiere berücksichtigt werde und sie glücklich seien?) Leider haben wir zurzeit zu wenige Informationen, um solche Fragen zu klären.
  3. Siehe zum Beispiel diese beiden Artikel im Guardian und der New York Times.

 


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