Animal Liberation: Warum Aktionen, die versuchen, das Angebot zu verknappen, wahrscheinlich wenig wirksam sind

arson attack chicken farm
Feuerwehreinsatz nach einem Brandanschlag der ALF auf eine in Bau befindliche Hähnchenmastanlage

 

Inspiriert durch einen Zeit-Artikel mit dem reisserischen Titel “Die Vegane Armee Fraktion” möchte ich auf eine wichtige Erkenntnis hinweisen, die man aus einfachen mikroökonomschen Analysen gewinnen kann: Aktionen, die versuchen, das Angebot an tierlichen Lebensmitteln zu verknappen (also die Kosten der Produzenten zu erhöhen), sind wenig wirksam in Bezug auf die “Produktionsmenge”.

Dies lässt sich damit erklären, dass der Markt für tierliche Produkte (zumindest im Bereich der Lebensmittel) eine zentrale Analogie zum Markt für illegale Drogen (z.B. Heroin) aufweist: Die Nachfrage reagiert nur sehr wenig auf Preisänderungen. Ökonomisch: Die Preiselastizität der Nachfrage ist zumindest in den reichen Ländern gering, nicht nur bei tierlichen, sondern bei fast allen landwirtschaftlichen Produkten. Empirische Schätzungen wie sie z.B. das Food and Agricultural Policy Research Institute der Universität Iowa durchführt, zeigen bei allen tierlichen Produkten in der EU, dass die Preiselastizität der Nachfrage (deutlich) kleiner als 1 ist. Dies hat mehrere überraschende Implikationen:

Die produzierte und konsumierte Menge an tierlichen Produkten wird dadurch, dass man bei einem Teil der Betriebe durch entsprechende Aktionen die Produktionskosten erhöht, nur geringfügig reduziert. Die Analogie zum Markt für illegale Drogen lautet: eine repressive Drogenpolitik, die versucht, das Angebot zu verknappen, indem man mit polizeilichen Massnahmen gegen Dealer, Mafia, Produzenten etc. vorgeht, ist weitgehend wirkungslos. Dies lässt sich z.B. anschaulich am “war on drugs” der USA sehen: Dieser hat auch dazu beigetragen, dass inzwischen 1% der Bevölkerung in den USA im Gefängnis sitzt und die Drogen-Mafia (in Mexiko etc.) immer unkontrollierbarer wurde. Die Menge an konsumierten Drogen dürfte sich dadurch nur wenig reduziert haben.

Dieses Argument wird in der folgenden Grafik verdeutlicht: Aktionen, die die Kosten der Produzenten von tierlichen Lebensmittel erhöhen, verschieben die Angebotskurve (von S1 nach S2) nach oben, was mit einem Preisanstieg von P1 auf P2 verbunden ist. Diese Preiserhöhung führt unmittelbar dazu, dass andere Betriebe im In- und Ausland einen Anreiz haben, mehr zu produzieren, so dass der Rückgang der produzierten (und konsumierten) Menge nur sehr gering ist (von Q1 auf Q2). Die Analogie zur Drogenpolitik lautet: Für jeden Mafia-Boss oder Drogen-Produzenten, den man wegsperrt, stehen sofort Personen bereit, die den Job übernehmen wollen. Der Grund dafür liegt in der preisunelastischen Nachfrage (die sich in einer steilen Nachfragekurve ausdrückt): Weder Drogenkonsumenten noch Nachfrager nach tierlichen Produkten in reichen Ländern reagieren stark auf Änderungen des Preises.

tobias hagen animal liberation

Die Umsätze der landwirtschaftlichen Industrie im Bereich tierlicher Produkte steigen (!) tendenziell durch die Aktionen. Genauso steigen die Umsätze der Drogen-Mafia durch repressive Drogenpolitik. Dies lässt sich in der Grafik daran ablesen, dass der neue Umsatz (P2 x Q2) grösser ist als der alte Umsatz (P1 x Q1).

Einige Bemerkungen zu diesen Ausführungen:

  • Ich bin in meiner Analyse davon ausgegangen, dass das Ziel der in dem Zeit-Artikel beschriebenen Aktionen in einer reinen Mengen-Reduktion (gegen Null) an tierlichen Produkten liegt. Andere Ziele habe ich nicht berücksichtigt.
  • Die ethische Aspekten der Aktionen habe ich nicht betrachtet – darum ging es mir gerade nicht.
  • Falls die Aktionen Auswirkungen auf die Nachfrage (die Konsumenten) haben, sind die Aktionen natürlich deutlich effektiver (Linksverschiebung der Nachfragekurve).
  • Die Analyse bezieht sich auf tierliche Nahrungsmittel (Milch, Eier, Fleisch) und ist nicht auf andere Bereiche (Tierversuche, Pelz, Jagd) anzuwenden. In Bezug auf Pelz z.B. dürfte die Preiselastizität der Nachfrage deutlich größer sein (die Nachfragekurve verläuft flacher), wodurch alle Aktionen, die zu einer Kostensteigerung führen, wirkungsvoller wären, d.h. auch die produzierte und konsumierte Menge deutlicher reduzieren dürften.
  • Analoge Effekte ergeben sich bei gesetzlichen Tierschutzmassnahmen, wie z.B. dem Verbot von Käfighaltung oder der betäubungslosen Kastration, die die Produktionskosten erhöhen (sollen). Dies ist ein Grund dafür, warum z.B. Gary Francione Tierschutzmassnahmen wegen ihrer Ineffektivität ablehnt: Durch den Anstieg des Preises (und damit des Umsatzes) aufgrund der preisunelastischen Nachfrage kommt es zu keiner spürbaren Mengenreduktion bei der Tierproduktion. Wenn darüber hinaus die VerbraucherInnen durch die angeblich “artgerechteren” Methoden “moralisch entlastet” werden, reduziert sich die Menge möglicherweise überhaupt nicht.

Das hier hergeleitete Ergebnis, dass es wenig effektiv sein dürfte, an der Angebotsseite anzusetzen, dürfte relativ intuitiv sein: Unabhängig von der Art des Wirtschaftssystems werden immer legale Märkte oder Schwarzmärke (man denke an die Prohibition in der Vergangenheit oder illegale Drogen heute) entstehen, die die Nachfrage befriedigen. Francione bringt die Rolle der ProduzentenInnen und KonsumentInnen folgendermassen auf den Punkt:

…these institutional exploiters do what they do because the rest of us demand they do so. If we stopped demand animal products, the producers of those products would put their capital into other activities. Although government and industry presently help to increase and support the demand for animal products, we can choose to ignore their encouragement, and as a political matter, we can reject government policies that support animal products. If a sufficient number of people became vegan, the incentive for government support for animal use would diminish. So the responsibility for animal exploitation rests, to a very considerable degree, on those who demand animal products.

Eine wirkungsvollere Möglichkeit zur Reduktion der Menge tierlicher Produkte (illegaler Drogen) ist demnach das Ansetzen an der Nachfrageseite, also die Überzeugungsarbeit bei Konsumenten. Reduziert eine Person hierzulande ihren Tierproduktekonsum dürfte sich auch die Produktion tierlicher Lebensmittel weltweit spürbar reduzieren. Dazu im nächsten Beitrag.

Quellenangabe

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Evidenzbasierte Wirtschaftspolitik.

Ausführliche Analysen zum Thema dieses Beitrags sind in diesem Artikel zu finden.


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