Replik auf Florianne Koechlins Artikel

„Wir brauchen Kühe und dazu gehört das Schlachten“ in der Tages Woche vom 20.9.2014

Es freut mich, dass Florianne Koechlin das Interview mit mir in der TaWo vom 12.09. zum Anlass für einen Kommentar genommen hat, denn ich schätze ihre Arbeit, ihr Engagement und wünsche mir mehr gehaltvolle öffentliche Diskussionen zum Thema. Die Agrar-Welt, die sie beschreibt, ist mir natürlich viel sympathischer als die real existierende Agrar-Welt.

Nun aber zur Kritik. Erstens schreibt Koechlin an meinen Argumenten vorbei und zweitens erweckt sie den Anschein, als wäre Fleischkonsum in der real existierenden Agrar-Welt in Ordnung, was auch aus ihrer Sicht falsch sein muss.

(1) Am Argument vorbei

Koechlins Gedanke lautet in Kürze: Wir brauchen Kühe, deshalb müssen wir sie töten. Eine erstaunliche Logik! Ich finde: Wir brauchen Kühe, deshalb sollten wir sie nicht töten. Koechlin schreibt, ein Tötungsverbot für Kühe bedeute die Abschaffung der Kühe. Sie meint offenbar, dass ich zu jenen Vertretern von Tierrechten gehöre, welche die Abschaffung aller Nutztiere befürworten. Das Gegenteil davon kann man im Tageswoche-Interview nachlesen.

Jetzt zu Koechlins Hauptargument. Es lautet, die Agrarwirtschaft brauche Wiederkäuer (Kuh, Ziege, Schaf), weil sie Dung und Humus benötige. (Übrigens: Schweine und Hühner braucht es dazu nicht.) Nur, was hat das mit Schlachten zu tun? Das Projekt in Sekem, das sie beschreibt, braucht Rinder für Humus, darauf wachsen widerstandsfähige Pflanzen. „Milch, Käse und Fleisch, sagen die Projektverantwortlichen, seien zweitrangig.“ Wenn man auf das Fleisch verzichtet, hat man immer noch Pflanzen, ein wenig Käse und Milch. Dasselbe gilt für die mitteleuropäische Graswirtschaft. Schlachten für Fleischkonsum ist also überflüssig.

Was Koechlin im Kommentar für den Fleischkonsum vorbringt, hat nichts mit ihrem Hauptargument zu tun und ist auch für sich genommen wenig überzeugend. Sie sagt, dass sie selber Fleisch mag, doch das ist weder ein landwirtschaftliches noch ein ethisches Argument. Sie bemüht den Gemeinplatz, dass der Tod zum Leben gehöre, aber nicht jeder Tod ist eine Schlachtung oder ein Mord, nicht wahr? Und sie sagt, dass Tiere keinen Schlachtstress haben, wenn man nett zu ihnen ist, doch wenn man sie nicht schlachtet, haben sie sicher noch viel weniger Schlachtstress. Ich mache einen makaberen Vergleich, um zu zeigen wie wenig weit diese Argumente tragen: Ein gute Agrarwirtschaft braucht Bauern, denn sie bearbeiten den Boden und pflegen Tier und Landschaft. Sollten wir Bauern schlachten, weil jemand Bauernbeinschinken mag, weil der Tod halt zum Leben gehört, weil wir es auch stressfrei tun könnten? Nein, natürlich nicht!

(2) Fleischkonsum ist nicht privat

Koechlins Agrar-Welt ist nicht die heutige. Was heute existiert beschreibt sie so: „Auf der einen Seite riesige Kuhherden, intensive Schweinemast, von Hühnern gar nicht zu sprechen, wobei viel zu viel Gülle anfällt. Auf der andern Seite gigantische Monokulturen ohne Viehwirtschaft.“ Darin bin ich mit Florianne Koechlin einig.

Mein zweites Problem mit ihrem Kommentar besteht aber darin, dass er den Eindruck erweckt, Fleischkonsum sei okay und letztlich Privatsache. Ich glaube nicht, dass sie das denkt, aber ich fürchte, der Kommentar wirkt so. Sie leistet dem mit der Auskunft Vorschub, dass sie Fleisch mag und dabei ein gutes Gewissen hat. Leserinnen und Leser atmen erleichtert auf und träumen von bunt geblümten Schweizer Alpen mit Bimmelkühen drauf, während sie an Hühner- und Schweineteilen kauen, die in Deutschland billig geschlachtet worden sind. Wer aber der Vision von Koechlin wirklich folgt, muss heute ein rabenschwarzes Gewissen beim Fleischkonsum haben.

Hier ein paar Gründe: Wir essen viel zu viel Fleisch und das führt zu einer industrialisierten Landwirtschaft. In der Schweiz wurden 2013 ca. 52 kg Fleisch pro Kopf gegessen, 35 kg davon sind Schweine und Hühner, also keine Wiederkäuer. Folgen wir Koechlin, könnten wir (mindestens!) auf diese 35 kg verzichten. In Deutschland wurden 2012 – bitte lesen Sie die Zahlen aus! – 4’358’000 Wiederkäuer geschlachtet; dem stehen 58’350’000 Schweine und 691’100’000 Vögel gegenüber. Wenn wir Koechlins Vision folgen, könnten wir auf 749’450’000 Schlachtungen verzichten. Und wenn wir von den übrig bleibenden Wiederkäuern nur jene verspeisen, die in der schönen Agrarwelt aufwachsen, könnten wir den Fleischkonsum noch einmal massiv verringern.

Fleischkonsum ist keine Privatsache! Er hat verheerende Wirkungen auf Menschen, Tiere, Klima, Umwelt. Fleischkonsum ist ein Klima- und Umweltkiller. Die industrialisierte Produktion führt auch zu dem grotesken Ergebnis, dass Rind und Mensch Nahrungskonkurrenten werden. Weltweit wird für Soja gerodet und 80% davon geht in Futter für Huhn, Schwein und Rind. Diese Anbaufläche könnten die Menschen vor Ort für ihre Pflanzenproduktion nutzen. Stattdessen verbrennen wir Land, Menschen und Tiere auf unseren von Blähungen und MRSA-Keimen durchwehten Grillfesten.

Wenn wir Wiederkäuer auf Weiden artgerecht und in kleiner Zahl halten, können wir anfangen ein gutes Gewissen zu haben. Alles andere ist gefährliche Agrar-Romantik – „gefährlich“, weil sie Umwelt, Mensch und Tier schadet, „Romantik“, weil es wenig mit unserer Fleischproduktion zu tun hat. Jeder und jede von uns weiss das und jeder und jede hat die Mittel zur Veränderung in der Hand. Es gibt wenige Probleme auf diesem Globus, deren Lösung wir durch die Änderung unseres Verhaltens so direkt angehen können. Darum: Lassen wir doch das Fleisch einfach weg.


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